Deutsche Weihnacht

 

Seltsame Weihnacht

Hermann Claudius

Es ist eigentlich gar keine fröhliche Geschichte. Wir Jungen der "Langen Terrasse" mit den vielen ewiggleichen und engen Fensterreihen wußten es lange: Peter Arp würde keinen Tannenbaum und keine Bescherung bekommen.

Ich saß mit Adolf Wienken und Willi Wellpott auf der schiefgetretenen Steinstufe des Hauseinganges Nr. 13. Eigentlich warteten wir, daß es schneien sollte. Der Himmel - das heißt, das schmale Stück, das wir zwischen den Dächern hindurch sehen konnten - war auch dunkelgrau. Aber schneien wollte es trotzdem nicht.

So kamen wir dazu, über Peter Arp und Weihnachten zu sprechen, und daß er keinen Tannenbaum kriegen würde. Es war im vorigen Jahr schon ebenso gewesen. "Meine Mutter hat kein Geld dazu; nichts zu machen", hatte Peter Arp gesagt und dabei gelacht und von Aberglauben und Kinderkram geredet. Es sei ihm auch vollkommen schnuppe. Mir war es schon im vorigen Jahr eiskalt über den Rücken gelaufen. Und daß er so lachen konnte, daß wollte mir nicht recht stimmen. Und ich hatte mirKirche im Schnee schon damals lange überlegt, ob ich meine Mutter nicht bitten sollte, Peter Arp zu unserer Bescherung einzuladen. Aber dann müßte er auch etwas geschenkt bekommen. Und dann erhielten ich und meine Brüder weniger. Dazu: daß das Geld knapp war, wußte ich nur zu genau. Dazu brauchte es nicht erst Weihnachten zu werden. Dem Vater wagte ich schon gar nichts zu sagen. Weihnachten - und Gäste? - Fremde Gäste? - Das war ganz unmöglich! So hatte ich den Gedanken aufgegeben und über Hangen und Bangen der eigenen Bescherung bald vergessen.

Nun saßen wir drei da, und Peter Arp kriegte wieder keinen Weihnachtsabend. Es rumorte uns allen dreien und mir besonders im Kopfe - oder besser: es wehrte sich, da hineinzukommen. Ich dachte zwar mit heimlichem Lächeln daran, daß unser Vater gestern abend beim Nachhausekommen und In-die-Tür-treten laut und mit großem Bedauern in der Stimme gesagt hatte, diesmal gäbe es keinen Weihnachtsbaum. Der Kaiser habe es verboten. Aber das war bloß Spaß und jedes Jahr dasselbe, wenn er nämlich den Baum bereits ausgesucht und beim Grünhöker Grimpen hatte zurückstellen lassen. Und damit fing Weihnachten beinahe schon richtig an. Meine Brüder und ich machten: oh! - und taten so, als ob wir es glaubten. Dann lachte unser Vater so um seine Augen herum und so heimlich hinter seinem Vollbart, sagte das Verbot aber noch einmal.

Dann stieg hinternach, wenn wir im Bett lagen und schlafen sollten, das Bild des brennenden Christbaums so hell und märchenhaft vor uns auf, daß wir gar nicht schlafen konnten und uns gegenseitig unsere Wünsche zuflüsterten und die Mutter schalt: "Einschlafen, einschlafen!" Und nun sollte Peter Arp keinen Tannenbaum haben! - Es blieb lange still zwischen uns auf der Steinstufe Nr. 13. Wir sahen nach oben. Aber schneien wollte es auch nicht. Endlich sagte Willi Wellpott: "Er könnte ja bei uns vielleicht zugucken."

Willi hatte einen jüngeren Bruder, mit dem er sich schlecht vertrug, weil der Kleine immer alles haben wollte. Er dachte, dann müßte sich der Kleine am Ende schicken. Ich ließ mir meinen vorjährigen Plan wieder durch den Kopf gehen - und wieder hinaus. Es nützte nichts. "Zugucken, das macht keinen Spaß", meinte Adolf Wienken langsam, und seine dichten Augenbrauen schoben sich eng aneinander. Darauf schwieg er. Ich dachte: Peter Arp, der uns allen immer zu helfen weiß - und wir drei Mann hoch wissen ihm nicht zu helfen. Schrecklich, dachte ich und muß es wohl auch laut gesagt haben, denn Adolf Wienken sagte: "Weißt du denn etwas Besseres?"

Da kam mir ein leuchtender Einfall. "Wir machen ihm eine Bescherung in unserer Höhle!" sprudelte ich heraus, so schnell, daß Willi Wellpott es gar nicht verstanden zu haben schien. "Wozu?" fragte er gedehnt und sah mich durchdringend an. "In unserer Höhle am Katerstieg", wiederholte ich, und bei dieser Wiederholung meiner eigenen Worte stand mein Entschluß auch schon bombenfest.

Adolf Wienken war begeistert, das heißt auf seine Art, indem er alle Bedenken nacheinander zusammentrug, die dagegen stimmen konnten. Ich aber rannte sie in meiner Begeisterung allesamt über den Haufen. Und am Ende unserer Unterredung auf jener Steinstufe Nr. 13 war es mir wenigstens völlig klar, daß ein rechter Weihnachtsabend für uns eigentlich nur in unserer Höhle gefeiert werden könne.

"Aber", sagte Adolf Wienken auf einmal. Weiter kam er nicht. "Was denn?" rief ich. "Wir müssen es aber doch heimlich machen", fuhr er fort. "Natürlich", sagte ich, und Willi Wellpott stimmte mir kopfnickend zu. "Das geht aber doch nicht", sagte Adolf Wienken verdrossen. "Warum denn nicht?" schrie ich ihn an und wollte meinem Ärger noch mehr Luft geben, als Adolf Wienken langsamer noch als sonst sagte: "Weil wir es ohne ihn nicht fertigbringen." Dabei sah er uns hilflos an. Mir blieb das Wort im Munde stecken. Ja, das war eine Sache, und das blieb eine, die man nicht umreden konnte: ohne Peter Arp, unseren Hauptmann und Führer, war noch nie etwas Besonderes unternommen worden. Daß wir daran gar nicht gedacht hatten.

Wir saßen still und schwiegen, und unsere Gedanken waren wie ein Spinnennetz von lauter feinen, dünnen Fäden zwischen uns. "Ich besorge den Baum", sagte Willi Wellpott und stand auf, als wollte er sofort drauflos. "Aber nur einen kleinen, Willi", warf ich ein, so, als ob ich seinen Vorschlag längst erwartet hätte. "Denkst du, ich weiß nicht, wie groß unsere Höhle ist", sagte er beleidigt. "Wir wollen erstmal nachsehen, ob die Höhle noch heil ist", meinte Adolf Wienken.

Wir machten uns auf den Weg nach der Höhle. Der Katerstieg war nicht weit. Es war schon dämmerig. An Ort und Stelle entfernten wir unter den Schwestereschen die Büsche und Rasenstücke, womit wir den Eingang verborgen hatten, und Willi Wellpott kroch hinein. "Sie ist in Ordnung!" rief er drinnen. Es klang dumpf. "Richtig mollig", meinte er beim Herauskrabbeln. Danach kroch ich hinein und wieder heraus und zuletzt der lange Adolf. Es war alles in Ordnung. "Wenn es bloß bis dahin noch schneien wollte", sagte ich und sah zweifelnd den Himmel an, an dem hier und dort die Sterne langsam hervorkamen. In Gedanken sah ich schon alles weiß und rundherum dunkle Nacht und das flackernde Kerzenlicht, wie es wunderbar aus der Höhle schimmerte. Wir deckten den Eingang wieder sorgsam zu und machten auf dem Rückweg alles genau ab, was getan werden müsse. Willi Wellpott besorgte den Baum. Auch die Lichter wollte er beschaffen. Für die Lichthalter garantierte ich. Ich wußte, daß mein Vater doch jedes Jahr neue kaufte, soviel meine Mutter auch auf den "Luxus" schelten mochte und die alten Halter herauskramte.

"Einmal im Jahr ist bloß Weihnachten", lachte mein Vater. Es war wirklich so, daß er beim Sprechen lachen konnte. Er machte das auch so, wenn meine Mutter und er am Abend vor dem Weihnachtsabend den Baum aufputzten und mein Vater eine Flasche Portwein in seiner Rocktasche mit nach Hause trug. Die Flasche stand mitten auf der weißen Tischdecke, und wir Jungen bewunderten die roten und goldenen Etiketten, auf denen ein Schloß mit Türmen abgebildet war, das auf einem Berg stand.

"Ich bringe die Lederkissen zum Sitzen", sagte Adolf Wienken. Er sagte es etwas zögernder als sonst. Sein Vater, ein früherer Seemann, war sehr streng. Die Lederkissen waren seine gehüteten Schätze. Sie stammten noch von Bord der "Sankta Josepha", auf der er zuletzt gefahren war. "Damit es feierlicher wird", setzte Adolf nach einer Pause noch hinzu.

"Geschenke?" - sagte da plötzlich einer. Ja freilich, Geschenke mußte Peter Arp auch haben. Abgelegte Sachen durften es nicht sein. Wir drei Jungen von zehn bis zwölf Jahren wälzten schwere Gedanken durch unser Hirn. Zuletzt entschieden wir uns für eine Peitsche. Peter Arp mochte gern knallen. Das wußten wir. Er hatte auch eine Peitsche. Das wußten wir auch. Wir hatten alle eine Peitsche. Aber es waren selbstgemachte. Peter sollte eine gekaufte haben aus dem Laden von Wilhelm Jüdstock an der Eimsbütteler Chaussee. So eine, die mit braunem und weißem Leder umwickelt war. Und so geschah es. In den zwei Wochen, die noch bis zum Heiligabend hin waren, sammelten wir, wo es nur irgend anging, beim roten Pfenning angefangen bis zum blanken Groschen, Weihnachtsgelder für Peter Arp, unseren Hauptmann. Und alles in der Heimlichkeit. Und zwei Tage vor dem Ziel hatten wir das nötige Geld zusammen - ich weiß heute die Summe nicht mehr - und kauften bei dem dicken Jüdstock die Peitsche. Der Stiel war hellgelb und biegsam, unten mit weißen und braunen Lederstreifen umwickelt. Und am Ende der Schnur wippte der "Sweep", der beim Knallen den schneidenden Ton gab. Adolf Wienken nahm die Peitsche in seine Obhut. Es ging alles richtig. Am Morgen des 24. Dezember fing es behaglich an zu schneien: große flaumige Flocken, die feierlich herabsanken.

Ich kam an diesem Morgen zu spät in die Schule und erhielt von Herrn Hinz eine "kleine Ohrfeige". Sie tat nicht sonderlich weh. Hauptsache war, daß es weiter schneite. Nachmittags sagte Willi Wellpott: "Er weiß Bescheid", und "die Alte ist gar nicht zu Hause", fügte er grinsend hinzu. Adolf Wienken rieb sich die Hände. Vor der buckligen Stiefmutter Peter Arps hatte er eine unheimliche Angst. Schon vor ihrer keifenden Stimme riß er aus. Darum rieb er sich nun die Hände.

Wir hatten die Sache mit der Höhle sehr geheimgehalten. Um sieben Uhr hatten wir alle zu Hause Bescherung. Um sechs Uhr sollte die Feier in unserer Höhle sein. Um vier Uhr, als es schon dunkelte, schlich Willi Wellpott, den Tannenbaum unterm Arm, die Terrasse entlang. Der Schnee lag weiß und dick. Keine Menschenseele war zu sehen. Ich lag bei der Höhle auf dem Posten. Es war kalt. "Parole", rief ich Willi Wellpott an. Peter Arp hieß die Parole. Aber Willi sagte bloß: "Halt den Mund, Mensch" - und dann war er bei mir in der Höhle. Der Baum war noch zu hoch. Gott sei Dank - Adolf Wienken, der auch ohne Parole hereingestolpert kam, besaß ein großes Taschenmesser. Damit kriegten wir endlich die richtige Größe heraus. Der hölzerne Kreuzfuß saß auch bald fest. Der Baum stand. Ich kramte meine Halter aus allen Taschen und befestigte sie außen herum an den Zweigen. "Ein paar mehr in die Mitte", sagte Willi und fing an, die Lichter einzustecken. - "Wo ist denn die Peitsche?" fragte ich. Adolf Wienken suchte nach irgend etwas hinter sich herum und sagte dabei: "Bei den Kissen." Ich suchte nach den Kissen, konnte sie aber nirgends finden. Ich wurde unruhig. "Wo hast du denn die Kissen?" fragte ich zuletzt. "Ich hol sie gleich", sagte Adolf. Es klang sehr unsicher. Danach kroch er hinaus und verschwand. Willi Wellpott und ich lagen in der dunklen Höhle. Es war sehr kalt von der Erde herauf. Draußen hatte der Schneefall aufgehört. Durch das runde Eingangsloch sah ich einen Stern blinken. Willi Wellpott und ich sagten beide nichts. Wir hatten nur einen Gedanken. Wir lauerten auf die Peitsche. Als Adolf Wienken immer noch nicht zurückkam, meinte Willi Wellpott, daß es Zeit sei, Peter Arp zu holen. Damit kroch auch er hinaus.

Ich lag in der dunklen Höhle allein und sah nach dem Stern. Ich lag so sehr lange. Es war kalt, und ab und wann war mir etwas ängstlich zu Sinn. Aber es war doch wunderschön. Es war so still, daß ich meinen Atem hören konnte. Und draußen blinkte der helle Stern. Plötzlich zuckte ich zusammen. Eine dunkle Gestalt war auf einmal da und warf sich fast in die Höhle, und eine trostlose Stimme sagte: "Ich kann es nicht ändern, aber die verdammten Kissen sind weg - und die Peitsche ist auch weg."

Wenn die ganze Höhle schwarz über mir zusammengestürzt wäre, hätte ich kein größeres Entsetzen fühlen können als in diesem Augenblick. Nun war alle Herrlichkeit dahin. Und ich hatte doch den Gedanken gehabt. "Schafskopf", sagte ich aus tiefster Seele heraus und sah Adolf Wienken grimmig an. Aber das konnte er im Dunkeln nicht merken. Und da hörte ich dicht vor der Höhle draußen auch schon deutlich Peter Arps trockene Stimme: "Ist ja alles Blödsinn. - Ihr seid ja nicht richtig." - Ach Gott, er wußte noch gar nicht, wie recht er haben sollte. "Schnell den Baum anstecken", befahl ich. Aber Adolf Wienken hatte keine Streichhölzer, und ich auch nicht. Willi Wellpott klemmte sich in den Eingang. "Anstecken", schimpfte er. Aber auch er hatte keine Zündhölzer.

So kam es, daß Peter Arp seinen eigenen Christbaum, der ihn überraschen sollte, selber anstecken mußte. Denn er hatte natürlich Streichhölzer bei sich, sogar deutsche, die er an der Hose anriß und die herrlich blaue Funken gaben und knisterten, wenn ihr Gestank uns auch in die Nase biß. Endlich brannten alle Lichter. Auch ein paar Schaumstücke hingen dazwischen. Mir war sehr feierlich zumute. Ich weiß nicht, ob den anderen dreien auch so feierlich zumute war. Ich dachte auch gar nicht an sie. Sie sagten aber auch nichts. Es war lange ganz still. Und die Lichter brannten. Da sagte Willi leise zu Adolf Wienken: "Wo hast du sie denn?" Adolf sah nieder und schwieg. "Gib sie doch her, Mensch!" sagte Willi ungeduldig. Und dann stellte es sich heraus, daß die Peitsche nicht da war.

Adolf Wienken erzählte mit dunkler Stimme, daß sein Vater die Sache mit den Lederkissen gemerkt und sie plötzlich irgendwo eingeschlossen habe. Zwischen den Kissen hätte er aber die Peitsche versteckt gehabt, um beides zusammen hertragen zu wollen. Adolfs dunkle Augenbrauen schoben sich beinahe übereinander. Er tat mir und Willi Wellpott leid, deshalb sagten wir gar nichts und warteten, was Peter Arp nun loslassen würde. Er hatte eine sehr ehrliche Art, sich auszudrücken, und würde uns sicher schön auslachen. Aber Peter Arp lachte uns nicht aus. Er sagte auch kein einziges Wort. Er saß und sah in den Lichterbaum, als ob er uns gar nicht gehört hätte. Wir sahen ihn alle drei an, und auch das merkte er nicht.

Endlich rückten wir mit unserem Unglück deutlich heraus. Und Adolf sagte sehr bedrückt: "Ich habe es ja gleich gesagt, Peter, es konnte nicht richtig gehen, wenn du es nicht wissen solltest." Da leuchteten Peters Augen, und er meinte, die Peitsche, was die anlange, die wolle er schon kriegen, und wenn der Alte die Lederkissen in den Schornstein gehängt hätte. Da mußten wir alle laut lachen, und es wurde auf einmal gemütlich in der Höhle, so wie im Sommer, wenn wir gespielt hatten.


Quelle: Dietmar Munier (Hrsg.)/HAUSBUCH DEUTSCHE WEIHNACHT, Orion-Heimreiter-Verlag, Kiel 2002

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