Deutsche Weihnacht

 

Es fehlte eine Stimme

Hugo Hartung

Einen Heiligen Abend ohne Kurrendeknaben gab es bei uns daheim in Thüringen nicht. In der achten Stunde kamen sie, und die Mutter richtete es immer so ein, daß schon die Kerzen am Baum brannten, wenn draußen das Getrappel der vielen Füße auf den steinernen Flurfliesen hörbar wurde. Es war wohl ein Dutzend Jungens im Alter von neun bis dreizehn Jahren, die, angetan mit einem dünnen schwarzen Radmäntelchen und mit einem runden schwarzen Hut auf dem Kopfe, uns das Jahr über am Sonntagmorgen mit einem Volkslied und einem Choral weckten. Ich meine noch heute zu hören, wie sie am ersten Maiensonntag "Der Mai ist gekommen" unter dem Fenster sangen und danach "Harre meiner Seele". Zu Weihnachten aber traten sie in das Haus oder in die Stube ein und sangen der Reihe nach die alten Weihnachtslieder.

Nun geschah es in dem Jahr, von dem ich erzählen will - es mag 1910 gewesen sein - daß unsere Kurrendeknaben sich verspäteten. Die Christbaumkerzen waren schon tief heruntergebrannt, und immer noch fehlten die Lieder der hellen klaren Kinderstimmen. Endlich vernahmen wir eine schwätzende Schar vor der Haustür, hörten, wie die Jungens den Schnee von den Schuhen abstampften - ich kann mich an kein Kinderweihnachten ohne Schnee erinnern -, und dann kamen sie, wie immer, in das diesmal nicht mehr ganz so strahlende Weihnachtszimmer und sangen auch wie immer.

Aber nein, es war nicht wie immer! Es lag wohl nicht nur an dem matten, letzten Kerzenschimmer, daß diesmal die Gesichter nicht so aufgetan erschienen und auch die Stimmen nicht so hell klangen wie sonst. Es fehlte der Kleinste in der Schar, der sich durch seinen köstlichen Knabensopran und seine vollkommene Musikalität hervortat. Er hieß Richard, und Vater mochte ihn besonders gern, vielleicht weil auch ihm einst, als dem Kleinsten seines Chors, der Hut ebenso schief ins schmale Gesicht gerutscht war.

"Wo ist Richard?" fragte Vater, als die "Stille Nacht" verklungen war. Wie sie's vom Kantor gelernt hatten, übernahm der Anführer das Wort und sagte, Richard sei heute abend plötzlich verschwunden. "Warum verschwunden?" wollte der Vater wissen. Nun, das war nicht so leicht aus dem Jungen herauszubringen. Mein Vater mußte ihn erst daran erinnern, daß auch er einmal einer der Ihren gewesen sei, um zu erfahren, was geschehen war.

Nach dem dritten oder vierten Singen dieses Abends war demnach der Kleine zu seinem Anführer gekommen und hatte ihm mit bedrückter Stimme gestanden, er hätte etwas Schlimmes begangen. Im nächsten Hause hatte er zwar noch mitgesungen - das war in der Wohnung des rundlichen kleinen Realschuldirektors, der den reichen Gaben seiner gutmütigen Frau mitMädchen mit drei Kerzen seiner etwas schmetternden Stirnme einige pädagogisch-moralische Ermahnungen gleichsam als 'Zuwaage' beifügte - und danach war Richard plötzlich weg gewesen. Die Kameraden hatten nach ihm gerufen, aber der Schnee trug ihre Stimmen nicht weit. Sie waren umgekehrt und hatten die ganze Hauptstraße und, in Grüppchen verteilt, den weiten Marktplatz abgesucht, doch ihr 'Kleiner', wie ihn die Kurrendaner unter sich nannten, blieb verschwunden.

Ich sah ängstlich meine Mutter an - unwillkürlich dachte ich an den Mörder, der im Herbst die Saalfelder Wälder unsicher gemacht und den man angeblich auch in unserer Gegend gesehen hatte - und Mutter blickte wiederum auf Vater, der wohl allein hier Rat wissen konnte. Und Vater entschied: "Jungens, wir gehen gleich zur Polizei!" Weil ich ihn sehr darum bat, durfte ich mit dabeisein.

Das war nun ein seltsames Erlebnis für mich: in der Heiligen Nacht um die zehnte Stunde, mitten unter der Kurrende, durch die verlassenen Gassen der Heimatstadt zu gehen! Überall waren die Fenster erleuchtet. Man hörte Stimmengewirr und Kinderlachen aus den Parterrewohnungen, manchmal auch Singen und Klavier- oder Geigenspielen. Lametta und Silberkugeln glitzerten im Kerzenschein hinter den Gardinen, und einige dünne Schneeflocken wehten an den Gaslaternen der Straße vorüber. Die Jungens baten, vor diesem und jenem Haus am Wege noch singen zu dürfen, damit es nicht zu spät würde und sie sich dadurch ihre Kundschaft verärgerten.

Ja, sie mußten an diesem Abend oft auf der Straße stehenbleiben und zu geschlossenen Fenstern hinaufblicken, hinter denen sich die Familien zeigten, die keine kalte Luft und keine armen Kinder in der Wohnung haben mochten. Wie Spruchbänder auf heiligen Bildern wehte dann aus den singenden Mündern der weißliche Atemhauch. Anderswo ließ man die Knaben wenigstens in das Treppenhaus eintreten, und manch eine Hausfrau jammerte, sie brächten mit ihren Schneefüßen nur Schmutz herein. "An so einem Abend lernt man seine lieben Mitmenschen kennen", sagte Vater, als wir endlich dem Rathaus nahe waren...

Im Rathaus residierte 'Barbarossa', wie wir den alten Polizeioberwachtmeister nannten, obwohl sein mächtiger Bart längst schlohweiß geworden war. Vor ihm, der den Siebzigerkrieg als Unteroffizier mitgemacht hatte und am Sedantag stolz das Eiserne Kreuz am Bande trug, fürchteten wir Kinder uns sehr, und die Kurrendaner waren sicher froh, daß außer mir nur ihr Stimmführer mit ins Wachlokal gehen mußte.

Barbarossa sah unwillig auf, als wir die Wachstube mit ihren mittelalterlichen Gewölben betraten, und hieß uns durch einen grimmigen Blick an der Tür warten. Er hatte an einem Holztischchen 'seine Truppe' um sich versammelt, wie er die fünf meist recht behäbigen Polizeiwachtmeister des Städtchens nannte, und hielt ihnen, vor denen je ein Glas dampfenden Punsches stand, eine Ansprache, die weniger ein Bekenntnis zur Weihe des Abends als eines redlichen dynastischen Gefühls war und sinngemäß in Kaiserhoch und Gläseranstoßen endete. Die dünnen, roten Kerzen auf dem Weihnachtsbäumchen erloschen fast vorm rauhen Männergesang der Hymne. Danach erst durften wir unser Anliegen vorbringen.

Nur weil Vater Beamter war, ließ sich Barbarossa herbei, die Personalien des vermißten Kindes aufzunehmen. Aber er fügte gleich hinzu, die Gegend, wo Richards Mutter wohne - sein Vater war während des Sommers im Steinbruch tödlich verunglückt -, sei ein übles Viertel, und das Unkraut, das dort wüchse, verginge nicht so leicht. Außerdem seien die Teiche um die Stadt, wo jemand hineinfallen oder sich umbringen könne, alle zugefroren... Immerhin versicherte der Polizeigewaltige pflichtgemäß, seine Männer würden morgen die notwendigen Erhebungen anstellen. Morgen - dachte er denn nicht an Richards Mutter, die sich in dieser Heiligen Nacht ohne ihren Jungen zu Tode ängstigen mußte?

Nun, wir haben Richard selbst gefunden! Der Anführer der Kurrendaner hatte den Einfall, wir sollten doch einmal im Turmstübchen nachsehen, wo die Jungens ihre Mäntel und Hüte und die Gesangbücher aufbewahrten. Und wirklich lagen in dem kalten kellerartigen Raum im Stadtkirchturm ein Radmantel und der kleinste der Kurrendanerhüte, die Sachen des vermißten Jungen. Das konnte ein schlimmes Zeichen sein - aber für Vater barg es doch eine Hoffnung. Er entzündete ein Windlicht und meinte, wir müßten nun auch noch oben nachsehen. Für mich war es unheimlich und erregend, in der unergründlichen Schwärze des Turmschachtes emporzuklimmen, den Modergeruch der Jahrhunderte zu atmen, unsere Schatten übergroß, verzerrt auf grauen Wänden schwanken zu sehen und endlich im Gebälk bei den Glocken zu sein, die mich gewiß zu Boden geworfen hätten, würden sie ihre erzene Stimme wider die Eindringlinge erhoben haben. Ich empfand es wie eine schreckliche Verlockung, als ich mit dem Knöchel an die geschwungene Wandung der uns zunächst hängenden, größten Glocke schlug. Klanglos, fast unhörbar war ihre Antwort auf meinen Frevel.

Nun drang bleiches Schneelicht durch gotisch gewölbte Fenster, eine Tür knarrte - und wir standen im Turmstübchen, in dem noch wenige Jahre zuvor der letzte Türmer über Stadt und Land die Feuerwache gehalten hatte. Jetzt vernahmen wir in dem verlassenen Gemach ein schweres Atmen. Vater hob das Windlicht hoch: In der Ecke schlief zusammengekauert Richard - den Kopf auf den Knien, in einem dünnen Sweater und mit vielfach geflickten Hosen, ganz ohne die von mir ersehnten Würdezeichen des Weihnachtssängers. Vater schickte mich und den Kurrendaner hinaus und sagte, wir sollten uns durch die Treppenfenster die verschneiten Dächer der Stadt und die benachbarten Waldhöhen im Sternenlicht ansehen...

Aber wir blieben beide dicht vor der Tür stehen und lauschten klopfenden Herzens, was nun drinnen in dem Stübchen geschähe. Wir waren sehr enttäuscht, als wir nur ein leises Sprechen und heftiges, stoßweises Weinen vernahmen. Es dauerte wohl eine Ewigkeit, bis Vater herauskam, Richard an der Hand führte und kurz zu uns sagte: "Es ist alles in Ordnung." Im Kurrendanerraum, aus dem wir schon auf halber Treppenhöhe die anderen Jungens lärmen hörten, legte mein Vater selbst dem blassen Ausreißer sein Mäntelchen über und gab ihm den schwarzen Hut in die Hand. "Jetzt gehen wir alle miteinander zu Richards Mutter", sagte er.

Warum Vater auf dem Wege in die Vorstadtsiedlung zusammen mit Richard auch in das Haus des Kolonialwarenhändlers Reimer ging, der uns als schrulliger, aber liebenswürdiger alter Herr bekannt war, und warum die beiden von dort nach einer Weile eine Menge mit Goldschnüren zusammengehaltener Paketchen in dem damals üblichen festlich bunten Glanzpapier mitbrachten - das alles habe ich von Vater erst sehr viel später erfahren. Da erzählte er mir, wie an jenem Abend der kleine Halbwaise, als die Kurrende im Flur des weiträumigen Geschäftshauses ihre Weihnachtslieder sang, aus zwei der vielen prallen Säcke und Säckchen des Kaufmannslagers sich heimlich die Taschen mit Mandeln und Rosinen gefüllt hatte, um der Mutter eine einzige Festfreude bereiten zu können, und wie er dann in jäher Scham und Verzweiflung über den Diebstahl vor den Kameraden geflohen war. Doch die schmalen Fenster im Turm, immer noch groß genug, daß ein Kinderleib sich hätte hindurchzwängen können, waren lange nicht geöffnet worden, und das Eis klammerte ihre Flügel fest zusammen ... Der alte Reimer aber hatte verstanden und verziehen.

In der armseligen Siedlung, die ein Baumeister als Spekulationsobjekt um die Jahrhundertwende errichtet hatte, gab es ungewöhnliches Aufsehen, als vor dem Hause, in dem Richards Mutter wohnte, die Kurrende Aufstellung nahm, die noch niemals hierherbestellt worden war, und nacheinander ihre schönsten Weihnachtslieder sang. Männer, Frauen und Kinder kamen auf die weiße Straße heraus. In mancher schon dunklen Wohnung wurde wieder das Licht angezündet.

Wir beiden Nichtbeteiligten standen ein wenig abseits, und als bei der letzten Strophe meines geliebten Hirtenliedes sich eine helle, klare Sopranstimme, die bisher im Chor gefehlt hatte, rein über alle anderen Stimmen aufschwang, nickte mir Vater zu, und wir gingen leise miteinander weg. Die Sterne flimmerten am Himmel, und der Schnee knirschte unter unseren Schuhen.


Quelle: Dietmar Munier (Hrsg.)/HAUSBUCH DEUTSCHE WEIHNACHT, Orion-Heimreiter-Verlag, Kiel 2002

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