Deutsche Weihnacht

 

Die Schlittschuhe

Paul Alverdes

Bei Tage war Heinrich meist wie ein Erwachsener gekleidet, obwohl er erst halb so groß war. Er trug dann einen steifen Kragen mit einer schwarzen Binde und einen Anzug mit langen Hosen von der gleichen Farbe. Er paßte ihm nicht recht; die Hosen reichten ihm bis hoch über die Brust. Aber das konnte niemand sehen, auch hielt es im Winter besser warm. Das borstige Haar endlich mußte er mit Pomade säuberlich festlegen, damit es den Scheitel behielt. Sie war ihm von Frau Schmitz eigens zu diesem Zwecke übergeben worden. Frau Schmitz war die Wirtin im Gasthaus zur goldenen Kugel in der kleinen alten Stadt am Niederrhein, und Heinrich diente dort als Kellnerlehrling, wie es auf dem Zuweisungsschein der betreuenden Behörden vermerkt war.

Heinrich war hier nicht zu Hause. Er stammte aus dem Oderbruch. Wie er hierher geraten war, elternlos und auch ohne Geschwister, das ist eine andere Geschichte. Sie ist in den Berichten von ungezählten Vertriebenen ähnlich oder gleichlautend zu lesen. Jedenfalls hing es mit ihr auch zusammen, daß ihm der schwarze Anzug zu groß war. Er stammte aus der Hinterlassenschaft der beiden Söhne von Frau Schmitz. Sie waren aus Rußland nicht wiedergekommen. Frau Schmitz sprach selten davon und zu Heinrich überhaupt nicht. Sie behandelte ihn rauh und war sehr wortkarg mit ihm. Auf der Nase trug sie einen altmodischen Zwicker mit einem schwarzen Bügel zwischen den schräg herabhängenden Gläsern. Es machte ihr Gesicht nicht freundlicher. Wenn sie ihn abnahm, so blieben zwei tiefe rote Furchen an den Augen stehen. Es sah aus, als habe sie geweint. Sie hatte ja auch Grund dazu. Aber keinen Grund hatte sie eigentlich, es dem kleinen Heinrich mit ihrem barschen Wesen und ihrer Verschlossenheit so schwer zu machen. Er hatte es ohnehin schwer genug. Vielleicht rührte es von einem Groll her, den sie, ihr selber nur dunkel bewußt, gegen alle diese Fremdlinge hegte. Es war ein blinder Groll, als seien sie an allem Elend schuld, das über das Land, die Stadt und auch über Frau Schmitz gekommen war.

Ihr Haus, ein viele hundert Jahre altes Haus, war freilich erhalten geblieben. Nur die goldene Kugel hoch oben in dem getreppten Giebel, nach der es den Namen hatte, war nicht mehr golden, sondern schwarz gefärbt von dem Qualm der vielen Brände, die einen Teil auch der kleinen Stadt in Asche gelegt hatten. Unter diesem Giebel befand sich die Stube, in der die verschollenen Söhne gehaust hatten. Frau Schmitz erhielt sie in dem Zustand der Jahre vor ihrem Auszug. Auch hatte sie im Winter stets ein Feuer in dem Kachelofen brennen, obwohl niemand mehr in der Stube wohnte, und auch keiner mehr zuWinterwald erwarten war. Heinrich aber war eine Kammer nebenan zugewiesen worden, aber eigentlich war sie nur ein Abstellwinkel, ofenlos unter dürftig verschalten Dachsparren. Sie besaß auch kein Fenster, nur eine Luke in der Schräge des Giebels, mit moosgrünem Glas verkleidet, die ein trübes Licht hereinließ. Man konnte sie aber aufklappen. Manchmal, wenn er Zeit dazu hatte, stellte sich Heinrich auf einen wackeligen Stuhl darunter und blickte hinaus. Dann sah er die alten Giebel vor sich, die das Feuer verschont hatte, und in der Ferne dahinter den grauen Rheinstrom. Es erinnerte ihn an die Oder daheim. Darum stand er gerne dort, doch kam er nur selten dazu, denn wenn er tief in der Nacht hinauf in seine Kammer gestiegen kam, hatte er es immer sehr eilig, unter die dürftige Decke zu kriechen. Beim Licht einer Kerze tat er dann den schwarzen Anzug von sich und den steifen Kragen, der ihm den Hals wundscheuerte. Dann war zu sehen, daß er wirklich kein Erwachsener war, sondern ein Knäblein, zitternd vor Frost, mit dünnen Beinen und schmaler Brust. Zum Glück schlief er vor Müdigkeit immer gleich ein und hatte darum wenig Gedanken über sich selbst.

Wie nun aber der Winter sehr strenge auch in das Land am Niederrhein kam und die kleinen Flußläufe und Kanäle in der Ebene dort in Bande schlug, da stiegen doch allerlei Gedanken in ihm auf, und die Erinnerung, wie es zu Hause um diese Zeit gewesen war, wurde immer mächtiger in ihm. Das Schönste war das Eislaufen auf den Altwassern der Oder mit den Spielgefährten gewesen. Meilenweit glitten sie durch das froststarre Land. Sie spielten Forschungsreise am Nordpol dabei, oder auch nur einfach Schiffe oder Flieger. Das Eis trug sie schwerelos dahin, und ein Freuen, so übermächtig, erfüllte sie, daß sie laut schreien mußten.

Einmal an einem freien Nachmittag, denn der stand ihm zu, wenn es Frau Schmitz auch nur verdrossen einräumte, war Heinrich an einen Eislaufplatz vor der Stadt geraten. Musik erschallte aus einem Lautsprecher, und so oft er verstummte, hörte man in der plötzlichen Stille die Schlittschuhe das Eis schaben und die fröhlichen Rufe der Kinder. Heinrich stand verzaubert und schaute den ganzen Nachmittag zu. Er lächelte, und wenn die Musik wieder einsetzte, wiegte er sich sachte in den Hüften mit. Er war ein Kenner und sehr einverstanden, wenn er auch ohne Schlittschuhe nur draußen stand, am Rande der Lust. Damals muß er den Entschluß gefaßt haben, der am Ende zum Guten ausgeschlagen ist, auch für Frau Witwe Schmitz, obwohl es zuerst anders aussah.

Oben in dem Flur unter der goldenen Kugel hatte Frau Schmitz einen alten Schrank stehen, an dem sie den Schlüssel manchmal stecken ließ. Heinrich hatte zuweilen neugierig hineingesehen, wenn er sich in der Frühe hinunter an seine Arbeit begab. Er fand allerhand alten Spielkram und Bücher aus der Knabenzeit der verschollenen Söhne darin verwahrt. Innen an der Türe aber blinkte ein Paar erlesen gearbeiteter Schlittschuhe, die gerade für seine Füße passen mochten. Er hatte es sich wohl gemerkt und mußte immer öfter daran denken. Es verging aber noch eine ganze Weile, bis er sich eines Nachmittags endlich das Herz faßte, auf den Flur hinauszuschleichen und sie an sich zu nehmen. Da stand der Heilige Abend schon bevor, für den Frau Schmitz nur ein paar einsame Stammgäste erwartete. Bis dahin hielt sie heute das Geschäft geschlossen. Auch Heinrich dachte bis dahin längst wieder zurück zu sein. Hastig schob er die Schlittschuhe unter die Jacke und machte sich auf den Zehenspitzen aus dem Haus. Den schwarzen Anzug hatte er anbehalten. Die Hose wärmte ihm die Brust, und er wollte nach seinem Ausflug keine Zeit mehr verlieren, sondern gleich vom Eisplatz an seine Arbeit zurückkehren.

Er ist dann aber doch nicht zu dem Eisplatz gegangen. Das Geld für den Eintritt reute ihn, und übermächtig zog ihn die Erinnerung weiter hinaus vor die Stadt, wo hinter den letzten Fabriken und den gesprengten Bunkern der schmale Kanal begann, der sich zwischen Dämmen und unter Brücken und Stegen hindurch weit in das Land verlor. Er war mit schwarzblinkendem Eis zugefroren, über das der Wind den weißen Schneestaub jagte. Es war fast wie zu Hause an den Altwassern der Oder, und wirklich paßten ihm die Schlittschuhe so gut wie einst seine eigenen.

Zum ersten Male seit langer Zeit war er wieder grundlos froh. Mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen zog er eine Zeitlang in bescheidenen Kehren auf dem Eise hin und her. Aber dann duckte er sich mit einem Male nieder, und mit den stählernen Spitzen einhakend, setzte er zu dem wilden Eisgalopp an, in dem er schon als kleiner Kerl ein Meister gewesen war. Erst als ihm der Atem ausgehen wollte, richtete er sich wieder auf. Da war er schon weit von seinem Ausgangsort entfernt. Er war ganz allein; ohne Unterlaß strich der Wind über das öde, weiß dämmernde Gefild, aber er erweckte schöne Gedanken in ihm. Er hatte sich jetzt in einen kühnen Forscher verwandelt, welcher einsam seine Spuren durch die Eiswüste am Nordpol zog. Aber zu gleicher Zeit, wie das geschehen kann, wenn sich ein junges Wesen freut, durchspielten andere Bilder sein Herz. Beispielsweise konnte man den Heiligen Drei Königen begegnen, bei den verlassenen Ruinen der Bunker, wo sie um ihr Feuer saßen, oder es wäre plötzlich eine unerklärliche Musik in den Lüften, oder Eisbären kämen in Rudeln über den Schnee getrabt. Auch schwebte es sich jetzt wie im Traume so mühelos und selig über die spiegelnde Bahn dahin, inmitten der unabsehbaren Ebene, auf der alles Leben unter dem Schnee begraben ruhte. Erst als er die blaue Mauer eines Waldes in der Ferne auftauchen sah, hielt er inne und wollte sich zur Umkehr wenden. Zugleich gab das Eis unter seinen Füßen mit dumpfem Platzen nach.

Starr und stumm vor Entsetzen stand er bis an die Hüften in der Flut, die Hände auf das heile Eis hinter sich gestemmt, und vermochte sich nicht zu rühren. Erst nach einer Weile gelang es ihm, sich mit aller Vorsicht nach rückwärts aus dem Loch herauszuarbeiten. Zum Glück war er nahe dem Ufer eingebrochen. Erst als er oben auf dem niederen Damme stand, ward er inne, daß er nur den einen Schlittschuh mit herausgebracht hatte. Einen Augenblick kämpfte er mit der Versuchung, ihn dem anderen im Wasser zuzugesellen und daheim in der Goldenen Kugel alles zu verschweigen. Aber der Anzug, der auch nicht ihm gehörte, war durchweicht bis über die Hüften; er würde nichts verbergen können, und schon begann es zu dämmern. Zitternd zog er den Rock aus und legte ihn ans Ufer und den Schlittschuh daneben. Dann schob er sich bäuchlings auf dem Eis an die Bruchstelle heran, jammernd vor Kälte und vor Erregung. Als er mit dem Arm in die Tiefe fahren wollte, gab es abermals unter ihm nach, und diesmal versank er bis über den Schopf im Wasser. Er kam sogleich wieder auf die Füße zu stehen, die Arme hoch herausgeworfen. Dann ließ er sich mit einem verzweifelten Entschluß in der Flut noch einmal auf die Knie nieder. Er fühlte, wie die grausige Kälte über seinem Mund zusammenschlug, aber er fühlte mit der tastenden Hand zugleich auch den verlorenen Schlittschuh. Er packte ihn, und mit einem wilden Schrei, halb triumphierend und halb klagend, schleuderte er ihn wie einen gefangenen Fisch ans Ufer. Gleich danach stand er selber wieder auf dem Damm, zerrte ächzend vor Kälte den Rock über das triefende Hemd, klemmte die Schlittschuhe unter den Arm und setzte sich über das totenstille Feld in Trab, der Stadt entgegen.

Frau Schmitz war längst daheim, als er in der Goldenen Kugel anlangte. Sie saß allein hinter dem Schanktisch im Hintergrund der noch leeren Gaststube und las in der Zeitung, den Zwicker auf der Nase. Jetzt spähte sie über den Rand hinweg, weil sie ein leises Geräusch bei der Türe vernommen hatte. Dort öffnete sich der grüne Vorhang zu einem schmalen Spalt. Ein kleines schneeweißes Gesicht lugte herein und war wieder verschwunden wie ausgelöscht. Dann vernahm Frau Schmitz abermals ein Geräusch; jetzt klang es wie Eisen, das auf den Boden klirrte. Eine Weile blieb alles still, dann schob sich die schmale Gestalt ihres Lehrbuben durch den Vorhang herein. Das Haar stand ihm wirr um den Kopf, und er hastete eilends an ihr vorbei.

"Guten Abend, Frau Schmitz", murmelte er, "ich war einmal eben etwas an der Luft." Damit kniete er schon vor dem Schränkchen in der Ecke nieder und begann, sich die Gedecke für die Stammgäste auf den Arm zu packen, wie es zu seinem Dienst gehörte. Frau Schmitz sah jetzt, daß er an allen Gliedern zitterte. Das dunkle Tuch seiner Hose glitzerte von Eis. Nun rollten ihm auch die Gedecke für die Stammgäste vom Arm.

"Wo warst du mal eben?" erkundigte sich Frau Schmitz und erhob sich hinter dem Tresen. "Oh, es macht nichts", schnatterte Heinrich und wandte sich auf den Knien zu ihr herum, totenblaß im Gesicht. "Der Rock wird schon ganz trocken - hier ist es ja warm." Seine Lippen zuckten, und seine Augen glommen schwarz in ihren Höhlen.

"Was wird?" fragte Frau Schmitz und klopfte mit dem Knöchel auf die Tonbank, "und wie siehst du denn aus hier im Geschäft?" Heinrich erhob sich mühselig von den Knien und kam vor den Tresen gewankt.
"Ich war da auf so einem Eis", sagte er, "nicht auf dem richtigen. Auf dem Kanal war ich, etwas Schlittschuh laufen."
"Schlittschuh?" fragte Frau Schmitz, "was denn für Schlittschuh?"
"Eben diese von oben, Frau Schmitz", flüsterte Heinrich und zeigte auf die Decke, "aus dem Schrank welche, Sie wissen es schon. Ich hatte nämlich den einen im Wasser verloren."
"Die Schlittschuhe von meinem Jungen hast du verloren? Von meinem Andreas?" rief sie.

Heinrich schüttelte heftig den Kopf. Er wandte sich von ihr ab quer durch das Lokal hinter den Vorhang an der Türe. Danach kehrte er wieder zurück und hob ihr die Schlittschuhe entgegen.
"Hier", sagte er, "nichts passiert; ich habe ihn herausgefischt", erklärte er. Er legte die Schlittschuhe vor sie hin und machte eine einladende Bewegung mit der Hand. Dann senkte er den Kopf und blickte an sich herab; er schien noch etwas sagen zu wollen, brachte aber nur ein Ächzen hervor. Stumm stand er da, an allen Gliedern geschüttelt, und klapperte mit den Zähnen.

Mit Frau Witwe Schmitz ging jetzt etwas Merkwürdiges vor. Sie hatte sich wieder niedergelassen und starrte ihn durch die Gläser ihres Zwickers an, unverwandt, als sähe sie ihn zum ersten Male. Sie rang ihre Hände ineinander, und ihr Atem ging schwerer. Dann fingen ihre Lippen an zu zucken, immer geschwinder, als zermahle sie den Kern einer Nuß. "Ach Gott, du Jungchen", brachte sie plötzlich mit einer Stimme hervor, die Heinrich nie an ihr vernommen hatte. Es klang wie ein Aufjammern unter einem wilden Schmerz. Gleich danach kam sie mit ihrer schweren Gestalt hinter dem Schanktisch hervorgeschossen. "Voran, du Jungchen", schrie sie abermals mit dieser fremden Stimme und schob ihn vor sich her. "Ins ganz Warme müssen wir jetzt, sofort ins ganz Warme, das müssen wir."

Als Heinrich zu sich kam, lag er in der Stube der verschollenen Söhne in einem großen weichen Bett. Er lag bis an den Hals zugedeckt, und an seinen Hüften spürte er die Wärme von tönernen Krügen mit heißem Wasser. Wie alle Tage brannte ein Feuer in dem Kachelofen in der Ecke, und auf der Kommode stand eine kleine Lampe, über deren Schirm jemand ein Tuch gebreitet hatte. Daneben stand noch etwas, das er in dem dämmernden Licht nur allmählich erkannte. Eine kleine Tanne stand da, ein Christbäumchen offenbar, wenn es auch keinerlei Schmuck aufwies. Nur in den Zweigen an seiner Spitze schimmerten zwei weiße Kerzen, eine zur Rechten und eine zur Linken des Stämmchens. Heinrich machte die Augen wieder zu. Jetzt erinnerte er sich auch, daß ihm jemand, der neben ihm kniete, das nasse Zeug vom Leibe gezogen hatte, Stück für Stück, und ihn nackend abrieb und dann zudeckte und ihm etwas sehr Heißes, sehr Süßes einflößte. Darüber schlief er wieder ein.

Als er noch einmal erwachte, schlug eben die Uhr vom Dom die Stunde aus. Es war schon tief in der Nacht. Zugleich vernahm er ein Geräusch von der Tür her und sah, wie sich ihre Klinke sachte nach unten bewegte. Ein Gesicht mit einem Zwicker darauf lugte herein, und gleich danach stand Frau Schmitz neben seinem Bett, und er fühlte ihre Hand auf seiner Stirn.

"Das Jungchen muß aber schlafen jetzt, dann wird alles gut, sollst du einmal sehen", raunte sie und stopfte ihm die Decke fest unter die Füße. Dann begab sie sich an die Kommode hinüber, und Heinrich gewahrte, wie sie eine Kerze aus der Tasche ihrer Schürze hervorholte und zu den beiden andern in die Spitze des Bäumchens steckte. Hernach stand sie wieder neben ihm und äugte auf ihn hernieder, aber anscheinend konnte sie ihn nicht deutlich sehen. Sie hob die Gläser von der Nase, und wieder sah es aus, als habe sie geweint. Aber sie lächelte und nickte ihm heftig zu. Auch Heinrichs Lippen begannen sich zu schürzen. Dann rollte er sich auf die Seite, um bequemer wieder einzuschlafen, noch unter ihrem spähenden Blick, als wäre sie gar keine fremde Frau.


Quelle: Dietmar Munier (Hrsg.)/HAUSBUCH DEUTSCHE WEIHNACHT, Orion-Heimreiter-Verlag, Kiel 2002

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