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Thilo Scheller Als die Frau sich entschloß, mit ihrem Jungen in die Heimatstadt ihres gefallenen Mannes zu ziehen, gedachte sie ihm nahe zu sein in den Straßen, auf denen er gespielt hatte; Spiele, die ihr wohl fremd waren, aber die ihm die Wangen heiß gemacht hatten, wenn er davon erzählte: von Schlieker, Sauball, der goldenen Brücke und der kleinen Königstochter, die man nicht zu sehen bekam. Vielleicht spürte sie ihn auf den weiten Wiesen, von deren herbem Geruch er so oft erzählt, auf denen er den großen Heuschrecken nachgegangen war, die unermüdlich in der Sonne fiedelten, bis man ganz nahe vor den hohen Blütendolden des Kerbels stand, darauf der grüne Spielmann mit großen Glotzaugen in seine Musik vertieft war. Vielleicht trafen sich ihre Gedanken in dem kleinen Wäldchen, die Nachtweide genannt, wo er vor einem harten Gewitter sich im Brombeerdickicht verkrochen hatte, bis ein greller Blitz wenige Meter vor ihm eine Eiche zerspellte, daß er benommen vom Krach und vom Schwefelgeruch nach Hause gerannt war. Hand in Hand waren sie später
an der Eiche gestanden. Er hatte sich damals gewünscht,
so im Sturme sterben zu dürfen wie die Eiche. Sie
hatten den Kuckuck befragt, wieviele Jahre er ihnen noch
gäbe, und der wollte und wollte nicht aufhören, ja
überschlug sich sogar mit seinen kuku - kuku - kukuku.
Sie dachte, daß sein Junge einmal in die gleiche
farbige Welt Es wurde spät im Herbst, als sie mit dem Jungen in der kleinen Stadt ankam. Von den Birken, die sie damals wie Brautjungfern mit wehenden Haaren begrüßt hatte, flogen unter den Peitschenhieben des Herbststurmes die Blätter wie verirrte Vögel. Es fröstelte sie in der fremden Wohnung, die der Frau des Gefallenen bereitwillig eingeräumt war. Die Häuser, die einst mit blanken Augen auf ihren Mann geschaut hatten, schienen ihr nun schmalbrüstig und blind zu sein, die Gassen eng und düster, ja sogar die kleinen Gärten, die wie ein buntgewürfeltes Tuch um die Stadt gelegen waren, taten ihr weh, denn die lila Herbstastern waren wie ein Totengesang auf das verstorbene Blumenjahr. Bald fiel der erste Schnee. Der Junge stapfte krähend durch die weiße Fülle - hatte er doch vor kurzem die ersten Schritte gelernt -, und wenn er längelang hinfiel und sich weißgepudert lachend wieder hochrappelte, dann kam ihr schmerzhaft der Gedanke, daß sie das alles ihrem Manne nicht mehr zeigen oder zurnindestens in einem der Feldpostbriefe schreiben konnte, die im letzten Jahre die Brücke waren, auf denen sie sich trafen. Sie fürchtete sich vor Weihnachten. Es würde sie die Einsamkeit doppelt stark bedrängen. Nein, einen Tannenbaum würde sie allein nicht ertragen können. Ihr Mann hatte darauf gehalten, daß dreizehn rote Äpfel in den grünen Zweigen hingen, "rot wie das blühende Leben", hatte er gesagt und sie fest in seine Arme genommen. Die Äpfel waren kurz vor Weihnachten in einer kleinen Kiste aus seiner Heimat angekommen. Er hatte sie mit einer gewissen Feierlichkeit ausgepackt, einen jeden einzeln abgerieben, einen oder den anderen an die Nase gehalten, seinen frischen Duft zu schmecken. Einen Apfel hatte er mit zum Dienst genommen, dort lag er auf dem Schreibtisch. "Zum Riechen" und "zum Träumen", hatte er gesagt. Es war ihr bald zu dumm gewesen, das Gehabe um die Äpfel, so daß sie eigentlich niemals nach der Herkunft der Früchte gefragt hatte. Trotzdem hatte sie ihm damals, als er zum letztenmal auf Urlaub war, noch einen der roten Äpfel eingepackt, ihm eine Freude zu machen. Vielleicht kamen sie von einer "alten Liebe" aus seinen Jugendjahren. Sie könnte jetzt noch eifersüchtig sein auf den Apfelspender, dem die Straßen dieser Stadt gewiß vertraut waren, der ihr holperiges Pflaster nicht schmerzhaft empfand und den Apfelbaum hegte, der ihn so mit seiner Heimat verbunden hatte. Als sie auf einem Abendgang aus einem Hausflur ein kleines Kinderlied hörte, das er ihr einmal vorgesungen hatte, als sie noch schweren Fußes mit dem Jungen ging, da summte sie es leise nach und nahm es so mit in ihre Wohnung, setzte sich an das Bett des Jungen und versuchte, es ihm vorzusingen; aber sie hatte schon einige Töne verloren und fand es nicht wieder zusammen, wie ihr ja alles aus den Händen entglitt, was sie als lebendiges Teil seines Wesens zu fassen vermeinte. Fast stand sie im Begriff, zu Weihnachten ihre Sachen zu packen und mit dem Jungen, in dessen Augen und Gesichtszügen, auch in seiner Art, sich frisch und fröhlich hinzustellen, sie das Bild ihres Mannes wiederfand, zu ihrer Mutter zu fahren und dort selber nichts als Kind zu sein und unbekümmert Weihnachten zu feiern - wenn sie nicht der Trotz zurückgehalten hätte und die Scheu, daß sie es nicht vermöchte, die gleiche Liebe aufzubringen, mit der er einst die roten Äpfel der Heimat geprüft hatte. Sie sah verstohlen in allen Kaufläden nach den roten Äpfeln aus, fand sie aber nirgends und wagte auch nicht danach zu fragen. So kamen unter Schnee und Eis die Weihnachtstage heran, die ihr in früheren Jahren von vielen Kerzen durchleuchtet waren. Nun blieb alles dunkel. Da kam eines Morgens der Ratsdiener in seiner altertümlichen Unifonn mit dem weißen Lackkoppel, dem breiten Schleppsäbel und dem Löwen am hohen Helm angehumpelt, klingelte und stand stramm in der Tür, die Hand am Helm. Sie hatte oft über ihn gelächelt, wenn er mit der großen Glocke auf der Straße lärmte, sich in Amtsmiene hinstellte und mit leieriger Stimme die Bekanntmachungen von seinem Zettel ablas: wo ein Schwein zu verkaufen stünde, wem ein Hund entlaufen sei, und was der Magistrat von Amts wegen kundzugeben habe - alles unwichtige Dinge, mit Wichtigkeit vorgetragen, während draußen Krieg war, bitterer Krieg, der Frauen ihre Männer nahm und Kindern den Vater. Der Ratsdiener begrüßte sie freundlich und nahm gleich den Jungen auf den Arm, der aber ängstlich nach seiner Mutter schrie. Er redete dann plattdeutsch auf ihn ein, und da war ja auch wieder das Kinderlied "Eiawiwi", das sie nicht mehr zusammengekriegt hatte. Ja, und der Junge sähe seinem Vater al bannig ähnlich, der habe ihm als Jungkerl einmal einen dummen Streich gespielt. Er sei ja nebenbei Nachtwächter, und da hätten sie ihn einmal, als er auf dem Wall eingeschlafen war, auf der Bank festgenagelt, und seine gute Hose sei dabei in die Binsen gegangen. Naja, Jungens hätten Bremsen im Kopf, und sie würde mit ihrem Jungen auch noch manches erleben, wenn das so ein Muschi-Blix würde wie sein Vater. Ja, und er brächte heute im Auftrage der Stadt die Äpfel für Weihnachten, und der Bürgermeister ließe schön grüßen. Sie meinte, sie hätte keine Äpfel bei der Stadt bestellt. Ja, das wäre auch nicht an dem, sagte er da. Sie kriegte doch jetzt die Äpfel, die sonst ihrem Manne zukämen. Die wären doch aus dem Apfelgarten an der Lehmkuhle, da täte doch jeder Pfahlbürger mit an. Und die außerhalb wohnten, hätten doch alle Jahre welche geschickt gekriegt. Was es denn mit den Äpfeln auf sich habe, fragte sie, und der Alte erzählte, nachdem er sich gehörig die Nase geschneuzt und einen frischen Priem hinter die Kusen gesteckt hatte - den gäbe es auch al knapp -, in der Stadt sei es Brauch, daß die Eltern für jedes Kind, das geboren würde, im Apfelgarten an der Lehmkuhle einen Baum pflanzten. Der von ihrem Mann sei nun ein prächtiger Baum und trüge alle Jahre überreich. Da kriegten dann alle Kinder aus der Stadt welche von ab, die keinen eigenen Garten hätten. Früher hätte sich kaum einer Äpfel zu kaufen brauchen. Ihr Mann hätte sich aber immer welche von seinem Apfelbaum gewünscht zu Weihnachten. Die seien aber auch ganz besonders blank und schön, sagte der Ratsdiener und packte dabei liebevoll die Äpfel aus dem Korb auf den Tisch. Die Frau fragte den Alten, ob er ihr wohl den Apfelbaum einmal zeigen wolle. Der wischte sich mit dem rotgeblümten Taschentuch über die Augen, schob den Priem auf die andere Backenseite und nickte. Sie zog den Jungen warm an, und sie gingen los, der humpelnde Ratsdiener vorneweg, daß sie mit dem Jungen auf dem Arm kaum mithalten konnte. Es lag wenig Schnee, auf den Gehsteigen kam die dunkle Erde durch. Aber im Apfelgarten draußen war alles schlohweiß und unberührt. Große und kleine Apfelbäume standen da nebeneinander, ein Lebensgarten, der dem mit einer Steinmauer umschlossenen Totengarten der Stadt gerade gegenüber lag. Zu Füßen eines jeden Apfelbaumes stak ein Porzellanschild mit einem Namen. Und dann hielt die Frau vor einem hohen, stattlichen Baum, den die Eltern ihres Mannes damals gepflanzt hatten, als die Freude über das junge Leben in ihnen großmächtig war. Nun stand sie vor den kahlen Zweigen, und ihre Hände waren leer. Seine Eltern waren längst gestorben, und sein Leben hatte sie nicht halten können. Der Alte war davongehumpelt, die Dämmerung brach herein. Da flimmerte es in den Zweigen, und der kahle Apfelbaum funkelte im Sternenlicht. Der Junge auf ihrem Arm begann leise zu weinen, und da besann sie sich wieder auf das Leben und sagte leise zu dem Kind: "Du sollst auch einen Apfelbaum haben, du auch!" Und sie schmückte zu Hause einen Tannenbaum, besteckte ihn mit Kerzen und hing dreizehn blanke rote Äpfel in den Zweigen auf. Als sie am Weihnachtsabend den Jungen, in dessen hellen Augen sich das Licht der Weihnachtskerzen fröhlich gespiegelt, zum Schlafen niedergelegt hatte, ging sie noch zu später Stunde in den Apfelgarten. Die Nacht war stockfinster, denn die Weihnachtsbäume brannten in diesem Jahr hinter verdunkelten Fenstern. Sie lehnte die Stirn gegen den rissigen Stamm des Baumes, und da spürte sie den lebendigen Saft hinter seiner rauhen Rinde steigen. Was tot und gestorben schien, das lebte, in den Knospen schlief ein neues Jahr mit Blatt und Blüte und blanken, roten Früchten. Und sie ging heimwärts durch die dunkle Nacht, tapferer als zuvor, in ein neues Jahr. Im Frühjahr wurde auf ihr Betreiben für den Jungen ein Apfelbaum gepflanzt unweit des Baumes ihres Mannes. Es war die gleiche Sorte, die einmal ebenso blanke, rote Apfel bringen würde. Daß die Frau heute in der kleinen Stadt, wo es Brauch ist, den Kindern einen Apfelbaum zu pflanzen, ganz zu Hause ist, daß sie ihren Jungen in die Kinderwelt ihres Mannes hineinwachsen sieht, daß sie fröhlich ihrem alten Berufe nachgeht, während der Junge im Kindergarten die alten Lieder singt und schon plattdeutsche Brocken in seine Sprache mischt, das dankt sie alles dem Apfelbaum im Apfelgarten an der Lehmkuhle. Im zweiten Frühjahr hat der Apfelbaum bereits geblüht. Und es war ein schöner Frühling mit Bienengesumm und silberweißen Wolken am Himmel. Die Wolken aber zogen nach Osten, wo irgendwo ein Holzkreuz auf einem Soldatengrab am Wege steht.
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