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Wintermärchen
Anne-Marie
Koeppen
Ich bin im Winterwald
verirrt.
Kann keinen Weg mehr finden.
An allen Tannenzweigen klirrt
Der Schnee in kalten Winden.
Da huscht ein Wichtelmann
vorbei
Mit Hack' und blankem Spaten.
Da ziehen Rehe fromm und scheu
Auf die verschneiten Saaten.
Da sitzt die Eisfrau tief
im Grund
Und spinnt am Silberwocken.
Und tut den Zwergen Weisheit kund,
Die lauschend um sie hocken.
Auf weißem Hirsch
kommt fein und stolz
Ein Elf vorbeigeritten.
Ein and'rer fährt durchs Unterholz
Auf einem goldnen Schlitten.
Ein dritter winkt mir
lachend zu
Aus den Machandelzweigen,
Ein vierter tanzt ohn' Strümpf und Schuh
Im Schnee nach lust' gen Geigen.
Kreuzschnäbel
fliegen rot wie Blut
Durch silberweiße Äste.
Sie bauen schon für ihre Brut
Am halbverschneiten Neste.
Da kommt ein großer
Wandersmann
Vom Berge her gegangen.
Sein Bart ist bis zur Brust heran
Mit lauter Eis behangen.
Sein langer blauer Mantel
weht,
Sein Blick sucht in die Weite.
Ein griesegrauer Wolfshund geht
Behutsam ihm zur Seite.
Da schweigt der munt're
Geigenklang,
Da wird die Luft so leise.
Nichts stört des mächt'gen Alten Gang
Und seine ew'ge Reise.
Nur in der Tannen
grün Geäst
Die Kreuzesschnäbel singen.
Und um ihr kleines, warmes Nest
Geht frühlingsfrohes Klingen.
Der Alte hört's. Er
steht und schaut
Und lächelt in die Tannen.
Das Eis in seinem Bart zertaut,
Und still geht er von dannen.
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