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Vor 60 Jahren wurde die
"Wilhelm Gustloff" versenkt: Von Petra Wernicke Sie war das größte
Kreuzfahrtschiff der Welt, und ihr Untergang gilt als
größte Katastrophe der Seefahrtsgeschichte.
Dennoch blieb das Schicksal der "Wilhelm Gustloff" im
Gegensatz zu dem der "Titanic" lange unbeachtet - weil die
Opfer Deutsche waren. Auf der Flucht vor der
heranrückenden Roten Armee hatten Anfang 1945 rund 10
000 Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder, ihre
Hoffnung auf den ehemaligen Feriendampfer der
NS-Organisation "Kraft durch Freude" (KdF) gesetzt. Das
Schiff, 1937 vom Stapel gelaufen, trug den Namen des
Schweizer NSDAP-Landesgruppenleiters. Der war im Februar
1936 von dem jüdischen Studenten David Frankfurter in
Davos ermordet Die "Wilhelm Gustloff", 25 000 Bruttoregistertonnen groß, fuhr zunächst Urlauber in den Atlantik, nach Norwegen und Schweden, in die Nord- und Ostsee. Im KdF-Rahmen konnten sich erstmals auch deutsche Arbeiter und kleine Angestellte Kreuzfahrten und Fernreisen leisten. Das wurde im In- und Ausland als eine der sozialpolitischen Großtaten des Dritten Reiches bewundert. Der Zweite Weltkrieg beendete jäh den gerade in Schwung gekommenen Volkstourismus. Aus der prächtigen "Wilhelm Gustloff" wurde ein Lazarettschiff. 1945 lag es in Gotenhafen (polnisch heute "Gdynia") an der Danziger Bucht. Es sollte nun auf Befehl von Großadmiral Karl Dönitz Flüchtlinge über die Ostsee nach Westen in Sicherheit bringen ("Operation Hannibal"). Auch Retter beschossen Drei Torpedoschüsse des sowjetischen U-Boots "S 13" besiegelten aber am 30. Januar 1945 das Schicksal der "Gustloff" auf schreckliche Weise. Die meisten Flüchtlinge gingen mit dem sinkenden Schiff unter oder erfroren innerhalb weniger Minuten in der eiskalten Ostsee. 937 Menschen konnten gerettet werden, weil sich zwei deutsche Torpedoboote trotz der U-Boot-Warnung an die Untergangsstelle wagten und dort Schiffbrüchige unter höchstem Risiko aufzunehmen vermochten. Auch sie wurden von dem Sowjet-U-Boot beschossen. In früheren Veröffentlichungen ist von 5000 bis 6000 Toten die Rede. Nach neuerem Forschungsstand wird aber von 9000 Todesopfern ausgegangen. Obwohl es sich um ein offenkundiges Kriegsverbrechen an wehrlosen Zivilisten handelte, ist dem Kommandanten des sowjetischen U-Bootes, Alexander Marinesko, noch heute in Sankt Petersburg ein ehrendes Museum gewidmet. Darin wird behauptet, die "Gustloff" sei kein Flüchtlingsdampfer, sondern ein Kriegsschiff mit soldatischer Besatzung gewesen. Tatsächlich aber hatte die "Gustloff" Signallichter eingeschaltet und war für den sowjetischen Kommandanten leicht als das weithin bekannte Zivilschiff zu identifizieren. Spätere Hinweise, daß sich unter den Flüchtlingen auch (teilweise schwerverwundete) Soldaten befunden hätten, ändern nichts an der Qualifizierung als Kriegsverbrechen. Denn die Torpedierung diente keinem militärischen Zweck. Der sowjetischen Führung war die Evakuierung deutscher Zivilisten und Verwundeter über die Ostsee keineswegs verborgen geblieben. Auch auf dem Land walzten und schossen Panzer der Roten Armee bedenkenlos in die Flüchtlingstrecks hinein. Frauen und Kinder wurden massenhaft vergewaltigt. Nach der Versenkung der "Gustloff" torpedierten sowjetische U-Boote weitere Flüchtlingsschiffe, darunter die "Steuben" mit 3600 und die "Goya" mit 6700 Menschen an Bord. In keinem dieser Fälle machten die sowjetischen U-Boot-Kommandanten auch nur den geringsten Versuch, Status und Ladung der anvisierten Schiffe zu prüfen. Auch Rettungsmaßnahmen unterblieben. 58 Jahre nach dem Untergang der "Gustloff", im Februar 2002, veröffentlichte Literatur- Nobelpreisträger Günter Grass sein Buch "Im Krebsgang". Darin spielt das Schicksal des Flüchtlingsschiffs eine tragende Rolle. Die Kritik sprach von einem "Tabubruch", weil deutsche Schriftsteller und Intellektuelle bis dahin die Leidensgeschichte des eigenen Volkes weitgehend ignoriert hatten. Dem bekennenden SPD-Blechtrommler Grass ließ sich aber keine "revisionistische" oder gar NS-apologetische Haltung unterstellen. Deutsche Politiker erübrigten jetzt zum 60. Jahrestag der "Gustloff"-Katastrophe kein Wort des Gedenkens. 9000 deutsche Opfer eines alliierten Kriegsverbrechens passen einfach nicht zu den "Befreiungs"-Feierlichkeiten, die gegenwärtig im Rückblick auf den 8. Mai 1945 umfangreich vorbereitet werden. Dazu fährt der Bundeskanzler nicht nach Gotenhafen oder in die Danziger Bucht, sondern nach - Moskau.
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