11. Juli 2008

Deutsche Kriegsgefangene in Frankreich

Bereits 1944 hatte die französische Exilregierung in London unter General Charles De Gaulle (unter anderem von 1958-1969 Staatspräsident der Republik Frankreich) von den Anglo-Amerikanern 1,75 Millionen deutsche Kriegsgefangene zur Wiedergutmachung der durch den Zweiten Weltkrieg entstandenen Schäden (deutscher Westfeldzug, anglo-amerikanische Bombardierungen, alliierte Invasion mit Rückzugskämpfen der Wehrmacht) gefordert. Die ersten Übergaben von Kriegsgefangenen an die Franzosen fanden bereits im Februar 1945 statt.

Nach offiziellen Quellen sollen laut Ludwig Peters [1] bis zum Mai 1945 insgesamt 15 000 Gefangene aus britischen Lagern in Frankreich und Belgien sowie 35 000 Gefangene aus amerikanischen Sammellagern übergeben worden sein. Am 10.7.1945 wurden die Lager Andernach, Bretzenheim, Dietersheim, Dietz, Koblenz, Hechtsheim, Siershahn und Sinzig mit mehr als 200 000 Gefangenen von US-Streitkräften an Frankreich übergeben. Die Franzosen protestierten dabei gegen den miserablen Zustand der Gefangenen und verwiesen darauf, daß fast die Hälfte der übernommenen Lagerinsassen in einem solch katastrophalen Gesundheitszustand sei, daß an eine Arbeitsaufnahme wohl monatelang nicht zu denken sei. Auch warfen die Franzosen den Amerikanern vor, ihre Gefangenen nicht nach den Regeln der Genfer Konvention zu behandeln. Über die drei Lager bei Dietersheim wurde nach der Übernahme durch die Franzosen bekannt, daß die eintreffenden Truppen dort keinerlei Lebensmittel mehr vorfanden. Außerdem wurden mehr als 32 000 Alte, Frauen und Kinder unter etwas mehr als 100 000 Gefangenen gezählt, die sicher nicht als 'Kriegsgefangene' gelten.

Zur selben Zeit aber häuften sich die Meldungen über ähnlich schlechte Zustände in den französischen Lagern, die bereits seit 1944 bestanden, aber auch in den neuangelegten. Genaue Zahlen über die dann folgenden Überstellungen von deutschen Gefangenen an Frankreich lassen sich nach Ludwig Peters heute nicht mehr ermitteln, da genaue Zahlen fehlen und die vorliegenden geschönt sind.

Der Franzose Buisson (Historique du Service des Prisonniers de Guerre de l'Axe, herausgegeben 1948 im Auftrag des französischen Verteidigungsministeriurns) gibt für die nach Deutschland entlassenen Kriegsgefangenen die Zahl von 628 388 an und bezeichnet die als 'freie Arbeiter' entlassenen mit 130 000 - entsprechend einer Gesamtsumme von 758 388. Zieht man diese nun von dem deutschen Autor Kurt W. Böhme (Band XIII: Die deutschen Kriegsgefangenen in französischer Hand der Maschke-Reihe) genannten Gesamtzahl von 1 065 000 Mann ab (die sich insgesamt in französischer Hand befunden hatten), dann verbleiben 306 612 Menschen, deren wirkliches Schicksal bis heute größtenteils ungeklärt ist. Denn offizielle Sterblichkeitszahlen einzelner Lager sprechen eine andere Sprache: So starben in Thorée-les-Pins innerhalb eines halben Jahres 2520 der 12 000 Gefangenen, in Buglose 250 von 800 in zehn Monaten, in Daugnague 400 von 800 in sechs Monaten und in Rivesaltes 1350 von 2400. Das sind Zahlenwerte, die zwischen 22 und 55% der Belegschaft variierten.

Ein Hauptgrund für diese hohe Sterberate war die völlig unzureichende Ernährung mit Tagesrationen von 900 kcal. Ein Reporter der französischen Zeitung Le Monde setzte im Herbst 1945 die französischen Gefangenenlager mit dem Bild gleich, das die internationale Öffentlichkeit inzwischen von den deutschen Konzentrationslagern hatte. Er nannte dabei das Lager 'Saint Paul d'Egieux', in dem 17 000 deutsche Gefangene nach der Übernahme durch die Franzosen in kürzester Zeit gestorben seien und die Sterberate bis zum Herbst 1945 bei 21% gelegen habe.

Obwohl das Internationale Rote Kreuz (IKRK) im Frühjahr 1946 auf die schlechten Zustände in den inzwischen auf 1600 angewachsenen Lagern öffentlich hingewiesen hatte (im Mai 1945 hatte das IKRK 13,5 Millionen Lebensmittelpakete für die Gefangenen zur Verfügung gestellt, die jedoch nie zur Austeilung kamen, weil dies die französische und amerikanische Seite stets zu verhindern wußte), gingen die Überstellungen von den USA an Frankreich weiter. Doch stoppten bei rund 750 000 Überstellten dann die Gefangenentransporte, so sehr die Franzosen auch reklamierten.

Obwohl die deutschen Gefangenen ab 1946 nicht mehr unter freiem Himmel schlafen mußten, hatte sich die Ernährungslage nur unwesentlich gebessert. Ebenso schlecht sah es mit der Bekleidung der Gefangenen aus, die in den Wochen und Monaten unter freiem Himmel in US-Gefangenschaft schwer gelitten hatte. Es sollte noch bis 1947 dauern, ehe auch auf diesen Gebieten spürbare Besserungen eintraten.

Literaturhinweise:
[
1] Peters, Ludwig, Das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen. Wir haben Euch nicht vergessen, Grabert-Verlag, Tübingen 1995

Weiterführend:
Deutsche Kriegsgefangene
Deutsche Kriegsgefangene: USA
Deutsche Kriegsgefangene: Großbritannien
Deutsche Kriegsgefangene: Sowjetunion

Quelle: Wolfgang Popp/WEHE DEN BESIEGTEN, Grabert 2000 (S. 98-119)

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