11. Juli 2008

Deutsche Kriegsgefangene in den USA

Nach dem offiziellen Bericht des US-amerikanischen Supreme Headquarters, Allied Expeditionary Forces (SHAEF), vom 11. Juni 1945 [1] befanden sich zu diesem Zeitpunkt insgesamt 7 614 794 deutsche Soldaten in amerikanischer und französischer Hand, und zwar 4 209 845 als 'Prisoner of War' = POW = Kriegsgefangener und 3 404 949 als sogenannte 'Disarmed Enemy Forces' = DEF = Entwaffnete feindliche Streitkräfte, denen - wie schon erwähnt - der Kriegsgefangenenstatus nach der Genfer Konvention von US-General Dwight D. Eisenhower bereits am 10.3.1945 aberkannt worden war. In französischer Hand befanden sich von den 7,614 Millionen lediglich 280 629 Soldaten.

Zu diesem Zeitpunkt (19.5.1945) aber, als sich also über 7 Millionen Deutsche in US-Gefangenschaft befanden, davon 5,2 Millionen in Europa, wurden nach offiziellen Angaben des US-Quartermaster Corps lediglich 2 425 532 Verpflegungsrationen ausgegeben.

"Die lange Nacht der Lügen"

Es ist dem kanadischen Journalisten und Lektor James Baque zu verdanken, daß er 1989 erstmals in seinem Buch Der geplante Tod [2] Licht in das bisher verschwiegene Schicksal der von den westlichen Alliierten gefangengenommenen deutschen Kriegsgefangenen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges brachte. Nach seinen Recherchen wurden ab 1945 Hunderttausende deutsche Soldaten in Gefangenenlagern der USA und Frankreich in den Tod getrieben, wobei von einer "langen Nacht der Lügen" die Rede ist. Sein Vorwurf an deutsche Historiker ist, daß sie sich "nicht gründlich genug" dem Schicksal deutscher Kriegsgefangener nach dem Mai 1945 gewidmet haben.

Das Buch gründet unter anderem auf neuen Funden im Archiv der US-Army in Washington (Pennsylvania Avenue), auf der Mitarbeit ehemaliger US-Offiziere, auf der Befragung von Zeugen verschiedener Nationalität und auf der Auswertung von Sekundärliteratur. Für Eisenhower ist zum Beispiel der harmlose Titel Other Losses ('Sonstige Abgänge') einer Rubrik in den US-Kriegsgefangenen-Statistiken der Beweis, daß 1945/46 wahrscheinlich mit mehr als einer Million deutsche Soldaten in amerikanischen Lagern sowie in französischem Gewahrsam, in den sie von den Amerikanern überstellt worden waren, an witterungsbedingten und anderen Krankheiten, an den Folgen unzureichender Hygiene und an Hunger gestorben sind. Dazu erhebt der Kanadier die wohl schwerwiegende Anklage gegen die westlichen Führungsstäbe der Anti-Hitler-Koalition, die sich ja als "Kreuzzug gegen das Böse" verstanden wissen wollte: "Die Ursache ihres Todes wurde wissentlich geschaffen von Armee-Offizieren, die über genügend Lebensmittel und andere Hilfsmittel verfügten, um die Gefangenen am Leben zu erhalten." Hilfsorganisationen - so Baque - die versuchten, den Gefangenen in den US-Lagern zu helfen, sei die Erlaubnis dazu von der Armee verweigert worden. "Das alles wurde damals verheimlicht und dann unter Lügen verdeckt, als das Rote Kreuz, Le Monde und Le Figaro versuchten, öffentlich die Wahrheit zu sagen. Akten sind vernichtet, geändert oder als geheim unter Verschluß gehalten worden. Dies geht bis auf den heutigen Tag weiter", schreibt der kanadische Journalist.

Besonders schwer wiegt auch die These Baques, die deutschen Gefangenen seien Opfer einer bewußten Politik des damaligen Oberbefehlshabers der westlichen Alliierten 'Expeditionsstreitmacht', General Dwight D. Eisenhower, geworden. Wie schon erwähnt, hatte Eisenhower, der die Deutschen haßte, 'weil der Deutsche eine Bestie ist' (in einem Brief an seine Frau Mamie, September 1944), bereits im März 1945 die Schaffung einer neuen Klasse von Gefangenen, die nach der Kapitulation nicht von der US-Army zu ernähren seien. Als dann im April/Mai 1945 an der Rhein-Linie die sogenannten 'Prisoner of War Temporary Enclosures' für Hunderttausende entwaffneter deutscher Landser und Offiziere eingerichtet wurden, befahl Eisenhower, die Gefangenen dürften weder 'Obdach noch irgendeinen anderen Komfort' haben. Und tatsächlich handelte es sich bei den 'Camps' in Andernach, Rheinberg, Sinzig, Remagen lediglich um stacheldrahtumzäumte Wiesen unter freiem Himmel, die der Genfer Konvention, der sich die westlichen Alliierten offiziell verpflichtet fühlten, tödlich Hohn sprach.

Ein Augenzeuge, von Luttichau (ein an der Ostfront verwundeter deutscher Offizier), berichtete:

"Wir saßen in überfüllten Stacheldrahtkäfigen im Freien und bekamen kaum etwas zu essen. Die Latrinen waren Baumstämme, die man über Gräben mit Stacheldrahtzaun geworfen hatte. Wenn wir schlafen wollten, blieb uns nichts anderes übrig, als mit den Händen ein Loch zu graben und uns dann in dem Loch zusammenzudrängen. Weil so viele krank waren, mußten die Männer ihre Notdurft auf dem Boden verrichten. Bald war unsere ganze Kleidung besudelt, genau wie der Boden, auf dem wir gehen, sitzen und liegen mußten."

Während die Nahrungsmitteldepots der US-Army überquollen, gestaltete sich die Versorgungslage der Gefangenen katastrophal. Von Luttichau führte dazu aus:

"Zu Anfang gab es überhaupt kein Wasser, nur Regen, dann - nach zwei Wochen - konnten wir ein wenig Wasser aus einem Leitungsrohr bekommen. An diesem Abschnitt des Rheins regnete es in jenem Frühjahr fast ohne Unterbrechung. An mehr als der Hälfte der Tage bekamen wir überhaupt nichts zu essen. Schon nach wenigen Tagen waren etliche von den Männern, die gesund ins Lager gegangen waren, tot. Ich habe gesehen, wie unsere Männer viele Leichen ans Lagertor schleppten."

Und wie recherchierten und äußerten sich unsere 'umerzogenen' deutschen Historiker PC-gerecht zu diesen 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit'? Obwohl die von der Bundesregierung finanzierte 'Wissenschaftliche Kommission für deutsche Kriegsgefangenengeschichte' zwischen 1962 und 1974 insgesamt 18 (!) Bände über ihre Arbeiten vorgelegt hat, wirft ihr James Baque in seinem Buch unzureichende Recherchen vor. Der Kanadier meint, in den von Professor Erich Maschke (seinerzeit Universität Heidelberg) herausgegebenen Reihe werde "alles vermieden, was öffentliche Empörung hätte auslösen können". Es sei eine "bescheidene Veröffentlichung" vorbereitet worden, von der nur 431 Exemplare verkauft worden seien, hauptsächlich an Universitäten und wissenschaftliche Bibliotheken. "Eine Diskussion wurde nicht ausgelöst", wenn man bedenkt, daß diese 'Wissenschaftliche Kommission' die auch von ihr vor allem in den Rheinwiesen-Camps festgestellte "schlechte Behandlung" der Gefangenen unter anderem mit folgenden Worten 'verständlich' zu machen versuchte:

"Menschliche Unzulänglichkeiten (!) vermehrten die Schwierigkeiten. Das Fraternisierungsverbot, der Siegestaumel, die Aufdeckung der KZ-Verbrechen, die angebliche Kollektivschuld des deutschen Volkes, die befohlene Suche nach Kriegsverbrechern unter den Eingesperrten. . . Der Sieg machte die Sieger übermütig (!) oder gleichgültig gegenüber den Besiegten. Der Phase des Übermuts, der Willkür und der Gleichgültigkeit folgte jedoch die Phase der Rückbesinnung darauf, daß man ausgezogen war, um eine verbrecherische Ideologie zu vernichten, nicht aber die Menschen, die von ihr befallen waren."

Auslieferung deutscher Kriegsgefangener

Wie Ludwig Peters [2] in seinem Buch Das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen berichtet, lagen Auslieferungsersuche über deutsche Kriegsgefangene den Amerikanern bei Kriegsende 1945 in reichem Maße vor, wollten sich doch alle von Deutschland im Krieg besetzten Länder die dort angerichteten Zerstörungen - auch wenn sie Folgen des britisch-amerikanischen Bombenkrieges waren - durch die Arbeitskraft der Kriegsgefangenen bezahlen lassen. Hinzu kam dann noch der logische Gedanke des Siegers, seine 'Kriegsbeute' in Form von billigen Sklaven einzufahren.

Nach den offiziellen Zahlen der deutschen Wissenschaftlichen Kommission (Leitung: Erich Maschke), welche die bereits erwähnte Buchreihe zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen publiziert hat, ergibt sich folgendes Bild:

 

Zeitraum

Auslieferung von

Auslieferung an

Gefangene

1945

USA

Belgien

30,000

1945

USA

UdSSR

135,000

1945

UdSSR

CSR

65,000

1945/46

USA

Frankreich

742,000

1945/46

USA

Großbritannien

791,000

1945

USA

Luxemburg

5,000

1945

USA

Niederlande

14,000

1945/46

UdSSR

Polen

70,000

1945

Großbritannien

USA

9,000

Insgesamt

1,861,000


Wie inzwischen aber bekannt ist, sind dies wesentlich niedrigere Zahlenwerte, als sich tatsächlich nachweisen lassen.
Ludwig Peters: [
1]

"Vor allem die offiziellen französischen Zahlen werden heutzutage in den Bereich der Fabel verwiesen, weil man inzwischen weiß, wie und warum sie so und nicht anders zustande kamen. . .
Tatsache ist, daß weder die Zeugenaussagen von entlassenen Gefangenen und Spätheimkehrern noch die Nachkriegsberichte über Auslieferungen der Westalliierten an tschechische und jugoslawische Partisanen richtig gewürdigt wurden und daß die Aussagen der Spätheimkehrer über die nicht registrierten Auslieferungen überhaupt nicht in die Arbeit aufgenommen wurden. . . So wurden etwa die 135 000 von den Amerikanern in der ehemaligen CSR gefangengenommenen und dann an die Sowjetunion ausgelieferten deutschen Soldaten nicht in der Rubrik 'Auslieferungen' erwähnt, sie wurden vielmehr - nach dem offiziellen Bericht - 'überlassen' bzw. 'übergeben'. Für das [bemerkt Peters völlig zu Recht] was sich da in Ost und West nach Kriegsende abspielte und für mehrere Millionen Menschen zum Schicksal wurde, weil es ihr restliches Leben vollkommen veränderte oder zerstörte, gibt es nur ein zutreffendes Wort und das heißt Auslieferung!"

Die Auslieferungen im Westen fanden nach Peters in verschiedenen Ausformungen statt.

"Bei den direkten Auslieferungen nur wenige Stunden oder Tage nach der Gefangennahme wurden die Gefangenen einfach auf den Wiesen, auf denen sie sich gerade befanden, meist von den Westalliierten belassen. Die Wachmannschaften zogen ab, und neue Posten nahmen ihre Plätze ein. Es gab keinerlei Zählungen, Übergabeprotokolle, Gesundheitsuntersuchungen oder ähnliches, so daß man hierfür keine Zahlenwerte angeben kann. Auch Schätzungen sind nur äußerst schwierig, weil es keinerlei Bezugs- oder Durchschnittswerte gibt, mit denen man echte Kalkulationen durchführen könnte. Man kann aber davon ausgehen, daß diese Direktübergaben in ihrer Gesamtheit zumindest eine sechsstellige Dimension erreichen.

In der zweiten Phase wurden dann ganze Lager, wie etwa bei Marseille oder die Rheinwiesenlager und andere, von den Amerikanern ausgeliefert, wobei das gleiche Prinzip wie zuvor angewandt wurde: Die eine Wachmannschaft zog ab, die andere nahm ihren Platz ein. Diese Auslieferungen begannen ab Februar 1945.

In der dritten Variante wurden dann die Gefangenen per Bahntransport ausgeliefert. Selten kam es zu Transporten auf Lastkraftwagen. Hieraus folgte dann auch die nächste Verwirrung beim Umgang mit den Gefangenenzahlen auf alliierter Seite. Denn so, wie die für die Verladung zuständigen alliierten Stellen ihre auszuliefernden Gefangenen beim Verladen zählten, wurden sie auf der anderen Seite beim Eintreffen im Lager erneut gezählt. Die während des Transports Verstorbenen tauchten in den meisten Statistiken nicht mehr auf oder wurden unter 'Other losses', also 'andere Verluste' registriert, doch waren es auch Menschen, Soldaten und Zivilisten, die das Unglück hatten, in krankem und völlig unterernährtem Zustand auf eine Bahnfahrt in Viehwaggons geschickt zu werden, die im Winter eiskalt und zugig und im Sommer völlig überhitzt und stickig waren. Die Verlustzahlen bei Transporten im Jahre 1945 standen auf westalliierter Seite denen der sowjetischen Transporte in nichts nach. So fanden US-Posten immer wieder beim Öffnen von Waggons zahlreiche Tote. James Baque berichtet in seinem Buch [2] Der geplante Tod über einen US-Oberst R. J. Gill vom Stab der TPM, also des Chefs des militärischen Justizwesens auf dem Kriegsschauplatz Europa, der sich im Februar 1945 darüber beklagte, daß von einem Transport mit 17 417 Gefangenen nur 7004 angekommen seien. . .

In drei Lagern rund um Dietersheim, die von den Amerikanern komplett an die Franzosen übergeben wurden, zählten die Offiziere der französischen 7. Kompanie, die das Lager übernahmen, bei 103 500 Übernommenen insgesamt 32 640 alte Männer, Frauen und kleine Kinder unter acht Jahren sowie Krüppel und Kranke im Endstadium. Ein rundes Drittel dieser als Arbeitssklaven von den Amerikanern Ausgelieferten war also absolut arbeitsunfähig. . . Dies war aber beileibe kein Einzelfall. Französische Unterlagen weisen aus, daß sich in den ihnen von den Amerikanern übergebenen Lagern insgesamt 166 000 Menschen befanden, die absolut arbeitsunfähig waren und sich sämtlich in einem bedauernswerten Zustand befanden.

Doch noch schlimmer als den deutschen Gefangenen, die ausgeliefert wurden, erging es meist den Menschen anderer Nationen (Flamen, Holländer, Norweger, Dänen, Franzosen, Russen, Ukrainer, Kroaten, Slowenen, Bosnier usw.), die an deutscher Seite gekämpft oder auch nur mit den Deutschen sympathisiert hatten. . .

Abschließend ist zum Bereich der Auslieferungen und der dazugehörigen Transporte festzustellen, daß auch hier von alliierter Seite das bestehende Recht völlig mißachtet wurde und die Bestimmungen der Genfer Konventionen und der Haager Landkriegsordnung nur von den Briten einigermaßen eingehalten wurden, obwohl auch sie gefangene Soldaten an Partisanenverbände auslieferten und somit einen Großteil dieser Männer und Frauen dem sicheren Tod und schweren Quälereien aussetzten.

Die Auslieferungen wurden aus zwei Gründen vorgenommen:

1. Hauptgrund war es, die deutschen Kriegsgefangenen als 'Arbeitssklaven' einzusetzen und eine Verteilung auf alle am Sieg über das Dritte Reich in irgendeiner Form beteiligten Staaten zu erreichen.

2. Ein weiterer Grund war der der Rache und Aburteilung sogenannter Kriegsverbrecher nach Kriegsende. Hierzu wurden die entsprechenden Gefangenen dann meist an ihre Heimatländer ausgeliefert. Die für eine Auslieferung nötigen Transporte entsprachen ebenfalls nicht den international vereinbarten Spielregeln, und eine hohe Sterblichkeit wurde von allen Seiten in Kauf genommen. Das, was man dem Dritten Reich an menschenverachtender Behandlung von Gefangenen vorwarf, praktizierte man bei den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs noch bis in die fünfziger Jahre hinein", so Ludwig Peters.

Literaturhinweise:
[
1] Peters, Ludwig, Das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen. Wir haben Euch nicht vergessen, Grabert-Verlag, Tübingen 1995
[
2] Bacque, James, Der geplante Tod, Ullstein Verlag, Frankfurt/Main-Berlin 1989

Weiterführend:
Deutsche Kriegsgefangene
Deutsche Kriegsgefangene: Großbritannien
Deutsche Kriegsgefangene: Frankreich
Deutsche Kriegsgefangene: Sowjetunion

Quelle: Wolfgang Popp/WEHE DEN BESIEGTEN, Grabert 2000 (S. 98-119)

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