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März 2004

Keine nationale Selbstachtung
Gerhard Schröder feiert die alliierte Invasion

Am 10. oder 11. April 1944 starb in Rumänien der deutsche Pionier-Gefreite Fritz Schröder. "Seine Einheit war auf dem Rückzug aus Rußland", sagt Sohn Gerhard. "Dann bekam meine Mutter eine Nachricht von der Wehrmacht: 'Er fiel für Führer, Volk und Vaterland.'" Gerhard Schröder, einige Tage zuvor in Westfalen geboren, wächst ohne leiblichen Vater auf. Seinem Ehrgeiz schadet es nicht. 1998 wird er deutscher Regierungschef - und schickt seitdem selber Soldaten in den Tod. Natürlich nur in bester Absicht.

Daß Fritz Schröder in Rumänien fiel, war Zufall. Der Marschbefehl hätte ihn auch nach Frankreich führen können. Dort wäre er dann womöglich im Kampf gegen die alliierten Invasoren zu Tode gekommen. Seinen Sohn aber hätte es sechzig Jahre später nicht davon abgehalten, auf dem Grab des eigenen Vaters den Sieg der damaligen Feinde zu feiern.

Ganz besondere Freude

In der "Süddeutschen Zeitung" (Nr. 2/04) liest es sich so:

"Das Jahr fängt gut an für Gerhard Schröder. Sein politischer Freund Jacques Chirac hat ihm eine Einladung übermittelt, über die er sich ganz besonders freut, weil sie über die rituelle Höflichkeit selbst zwischen eng verbundenen Staaten hinausgeht. Der Kanzler darf als erster deutscher Regierungschef an den Feierlichkeiten zum Gedenken an den 'D-Day' teilnehmen, der sich am kommenden 6. Juni zum 60. Mal jährt. Sein Vorgänger Helmut Kohl hatte zehn Jahre zuvor auf eine solche Geste vergeblich gewartet, und es hatte ihn getroffen, daß sie ausblieb. Mit der Bemerkung, er hätte sowieso nicht an solchen Feiern teilnehmen wollen, hatte Kohl seinerzeit versucht, die Peinlichkeit in Grenzen zu halten."

Peinlichkeit? Eine fragwürdige Betrachtungsweise. Peinlich ist es, wenn ein Regierungschef - egal welcher Nationalität - die Niederlage des eigenen Landes feiert und damit dem Tod seiner Soldaten posthum den Sinn raubt. Dabei geht es nicht um Recht oder Unrecht, um Ideologien und politische Überzeugungen, sondern um etwas ebenso Einfaches wie Fundamentales: um den menschlichen Anstand. Wer Ehre im Leib hat, so sollte man jedenfalls annehmen, stößt auf den Gräbern der eigenen Soldaten nicht auf deren Niederlage an.

Kohl wußte noch, was sich geziemt

Keinem französischen Staatspräsidenten käme es beispielsweise in den Sinn, die im Wald von Compiégne am 22. Juni 1940 vollzogene französische Kapitulation zu feiern - weder allein noch im Versöhnungsbund mit den Deutschen. Die jetzt nach Berlin gegangene Einladung zeigt nur, daß man in Paris, Washington und London die deutsche Selbstachtung nicht allzu hoch veranschlagt.

Den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl zog es bei früheren Invasions-Jubiläen keineswegs in die Normandie. Gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen" stellte er richtig:

"Es wurde fälschlicherweise behauptet, 1984 hätte Francois Mitterrand seinen Freund Helmut nicht zu dem Treffen eingeladen... Er hatte mit mir vorher darüber gesprochen. Ich sagte ihm, ich würde nicht kommen. Denn ich sah keinen Sinn darin, daß der deutsche Kanzler zur Feier der Sieger in die Normandie reisen sollte... Und Mitterrand hatte dafür jegliches Verständnis."

Auch in Frankreich stoßen die Invasionsfeierlichkeiten nicht nur auf Begeisterung. Amerikaner und Engländer kamen damals nicht für alle als "Befreier". Frankreich hatte unter Staatspräsident Henri Philippe Pétain eine von der Nationalversammlung legitimierte Regierung, die das Land nach der Kapitulation von 1940 aus dem Krieg herauszuhalten suchte. Die französische Neutralität wurde von den Alliierten mißachtet. Sie griffen bei ihrer Landung in Nord-Afrika französische Truppen bereits im November 1942 völkerrechtswidrig an. Schon im Juli 1940 hatten britische Kriegsschiffe große Teile der demobilisierten und wehrlosen französischen Flotte bei Oran und Dakar versenkt. Französische Marineluftgeschwader flogen Vergeltungsangriffe gegen britische Kriegsschiffe im Hafen von Gibraltar. Französische Städte wurden von englischen und amerikanischen Bomberflotten verwüstet. Tausende von Zivilfranzosen kamen dabei um. Wegen Befehlsverweigerung, Fahnenflucht und Landesverrats war der nach England geflohene Offizier Charles de Gaulle 1940 von einem französischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden.

Nach der Invasion die Entrechtung

Die Fronten lagen also nicht so klar, wie man es heute gern hätte. Die Meinungen der Franzosen zur alliierten Invasion 1944 gingen weit auseinander. Bei ihren Vorstößen gegen die anglo-amerikanischen Landungstruppen begleitete die deutschen Verteidiger, wie historische Bildaufnahmen belegen, durchaus Sympathie aus der französischen Bevölkerung. Die im Land stationierten deutschen Soldaten hatten einen guten Ruf. Zahlreiche Freundschaften waren entstanden. Französische Freiwillige kämpften an der Ostfront Seite an Seite mit ihren deutschen Kameraden. Für viele Franzosen ("Kollaborateure") bedeutete die alliierte Invasion Verfolgung, Schrecken und Tod. Frauen wurden kahlgeschoren, entkleidet durch die Straßen getrieben, vergewaltigt. Anderthalb Millionen Franzosen, die loyal dem Staat gedient hatten, sahen sich plötzlich entrechtet. Zehntausende wurden erschlagen, erschossen, erhängt und ertränkt. Durch das gesamte öffentliche Leben fegte eine "Säuberungswelle": Beamte, Offiziere und sogar Geistliche wurden gefeuert.

Darüber wird in Frankreich heute ungern gesprochen - aber ein Teil der Opfer lebt noch und wird die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Invasion mit gemischten Gefühlen begleiten. Auch das hätte den amtierenden deutschen Bundeskanzler veranlassen müssen, die Einladung abzusagen. Denn Aussöhnung erfolgt nicht aus der Übernahme einseitiger Sichtweisen. Alle Beteiligten, Sieger und Besiegte, haben Anspruch auf eine ganzheitliche und überparteiliche Geschichtsschreibung.

Doch davon ist die deutsche Politik im Jahr 2004 weiter entfernt denn je. Im Berliner Abgeordnetenhaus wurde jetzt ein großformatiges Porträt des ersten sowjetischen Stadtkommandanten Nikolai Erastowitsch Bersarin (1904 - 1945) enthüllt. Dazu hatte man aus Rußland seine Enkelin Alexandra Lazuk eingeflogen. Das Bild soll später in der Galerie der Berliner Ehrenbürger aufgehängt werden. Mit jenem Titel war Bersarin vom SED-Magistrat bedacht worden. Rote und Grüne hatten dann die nach der Wende zunächst aufgehobene Ehrenbürgerschaft des Sowjetgenerals neuerlich bestätigt - aus Dank für dessen "Verdienste". Tatsächlich hatten Rotarmisten unter Bersarins duldendem Kommando in Berlin geraubt, gebrandschatzt, gemordet und massenhaft vergewaltigt.

Die Historikerin Barbara Johr schreibt in ihrem Buch "Befreier und Befreite" (Kunstmann-Verlag, 1992) über die Ereignisse in Berlin: "Zwischen Frühsommer und Herbst 1945 wurden mindestens 110 000 Mädchen und Frauen von Rotarmisten vergewaltigt (7,1 Prozent). Die meisten Vergewaltigungen, mindestens 100 000, geschahen im April, Mai und Juni 1945."

Genau in diesem Zeitraum war Bersarin Stadtkommandant und Garnisonschef der sowjetischen Truppen in Berlin, bevor er am 16. Juni 1945 bei einem Verkehrsunfall starb. Erst danach verbesserten sich die Verhältnisse allmählich.

Nochmals Johr: "Die Zahl der vergewaltigten Mädchen und Frauen ist im übrigen nicht identisch mit der Zahl der Vergewaltigungen. Nach allen Unterlagen, die wir ausgewertet haben, wurden über 40 Prozent mehrfach vergewaltigt. Die meisten zwei- bis viermal, aber auch viel häufiger. Ein Teil der Opfer überlebte die Tat nicht, viele litten lebenslang."Für SPD, PDS und Grüne spielt das alles keine Rolle. Sie reden zwar gern über die Würde der Frau, ordnen diese aber im Ernstfall dem rächenden "Antifaschismus" unter. Motto: Wo gehobelt wird, fallen Späne.

Noch ein Vergleichsblick nach Frankreich: Als 1944 die alliierten Verbände auf Paris zurückten, verzichtete der deutsche Stadtkommandant General Dietrich von Choltitz (1894 - 1966) auf eine Verteidigung, um der französischen Hauptstadt schwere Verwüstungen zu ersparen. Selbst die von Hitler befohlene Zerstörung der Seine-Brücken unterblieb. Zum Dank wurde von Choltitz noch zwei Jahre über den Krieg hinaus in Gefangenschaft gehalten, und kein französischer Politiker kam auf die Idee, den deutschen General wegen seiner humanitären Großtat zum Pariser Ehrenbürger zu ernennen. Andere Länder, andere Sitten.

Es bleibt den Deutschen vorbehalten, ihren Bedrückern einen Lorbeerkranz zu winden. Söhne freuen sich hierzulande, daß die Väter geschlagen, die Mütter vergewaltigt wurden. Und Gerhard Schröder fährt voller Glückseligkeit in die Normandie, um sich bei den "Siegern" einzureihen. Das Grab seines Vaters in Rumänien eignet sich für politisch korrekte Selbstdarstellungen nicht. Da ist es dann auch nur konsequent, daß im Februar linksautonome Gruppen die vor 59 Jahren ins Werk gesetzte Vernichtung Dresdens ungeniert feierten ("Deutsche sind keine Opfer"). Die Täter jenes Verbrechens waren dieselben, die neun Monate zuvor in der Normandie Stalins Wunsch nach einer zweiten Front bereitwillig umgesetzt hatten. Gute Reise, Herr Bundeskanzler!


Hilmar Gerber