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Heft 4 (April 2004)

Alliierte Bomben auf die Schweiz

Zum 60. Mal jährte sich ein Ereignis, das in der Zeitgeschichtsschreibung ungern erwähnt wird, weil es kein gutes Licht auf die Sieger wirft: Am 1. April 1944 bombardierte die US Air Force mit rund 30 Flugzeugen die schweizerische Stadt Schaffhausen. Dabei kamen 40 Zivilisten ums Leben, 60 Menschen wurden teilweise schwer verletzt. Rund 400 Schaffhausener Bürger verloren ihre Wohnungen. Der Sachschaden belief sich nach Schätzung der Schweizer Behörden auf 35-40 Millionen Franken.

Die Amerikaner sprachen von einem "Irrtum" und zahlten später eine Teil-"Entschädigung", was die Toten allerdings auch nicht wieder lebendig machte. Unabhängige Beobachter werteten das alliierte Vorgehen als schlecht kaschierte Einschüchterung eines neutralen Landes. Vor Schaffhausen waren bereits andere Schweizer Städte, so auch Basel und Zürich, von alliierten Maschinen angegriffen worden. Aus dem offiziellen eidgenössischen Flugabwehrbericht über die Jahre 1939 bis 1945 gehen 6501 Verletzungen des Schweizer Luftraums hervor, die meisten davon in den Jahren 1944 und 1945. In fast allen Fällen, so die Schweizer Ermittler, lag die Schuld bei englischen und amerikanischen Fliegern. Die ersten Toten hatte es am 12. Oktober 1941 in Buhwil bei Sulgen gegeben.

Mochte in dem einen oder anderen Fall tatsächlich ein Irrtum zugrunde gelegen haben, so fiel doch auf, daß sich die Zahl der "Irrtümer" zu steigern begann, als der alliierte Sieg erkennbar heranrückte. Zur gleichen Zeit nahm der politische Druck auf die Schweiz zu, ihre Neutralität zu Lasten Deutschlands zu lockern. Auch die Tatsache, daß die Mehrheit der Schweizer zum deutschen Sprach- und Kulturraum zählt, schien alliierten Piloten Grund genug, es bei Bombenabwürfen im grenznahen Raum nicht allzu genau zu nehmen. Außerdem fühlte man sich der Schweiz militärisch weit überlegen. Gegenschläge waren nicht zu erwarten.

Je länger der Krieg dauerte, desto kleinlauter wurde die Schweizer Regierung gegenüber den Alliierten. Zum Schluß fügte man sich jeder Zumutung und ergriff selber Partei: Junge Schweizer, die aus antikommunistischer Motivation auf deutscher Seite als Freiwillige an der Ostfront gekämpft hatten, wurden nach dem Krieg in ihrer Heimat zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt, während Schweizer, die in die alliierten Streitkräfte eingetreten waren, straffrei ausgingen.

Diese Ungleichbehandlung prägte auch die Geschichtsschreibung. Da Schaffhausen nicht von deutschen Maschinen bombardiert worden war, gerieten die 40 Toten rasch in Vergessenheit. Und die Alliierten wissen seitdem, daß man nur von "Irrtum" zu sprechen braucht, wenn man wieder einmal das Völkerrecht bricht.


Franz Tobler