2. Oktober 2009

Die Deutschen in der Stunde des Zusammenbruchs 1945:
5: Vertreibung

Von Karlheiz Weißmann

Für die Vertreibung der Deutschen aus ihren Siedlungsgebieten in Mittel- und Ostmitteleuropa gab es verschiedene Motive:
1. den Wunsch nach einer ethnischen Säuberung der Nationalitätenstaaten, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden waren,
2. das Bemühen, Polen für Gebietsverluste infolge der Annexion seiner Ostgebiete durch die Sowjetunion zu entschädigen,
3. die Absicht, die Deutschen kollektiv zu bestrafen.

Das erste dieser drei Motive wird heute in seiner Bedeutung allgemein unterschätzt, wie man überhaupt die machtpolitischen Aspekte im Handeln der am Zweiten Weltkrieg beteiligten Staaten verdrängt. Eine Ursache dafür ist die Verkennung der Lage, die nach 1919 durch den Versailler und die Vorortverträge entstanden war. Faktisch war keiner der damals gegründeten Nationalitätenstaaten bereit, die Rechte seiner Minderheiten zu achten. In der Tschechoslowakei sahen sich die Tschechen, in Polen die Polen und in Jugoslawien die Serben als Titularnation und versuchten alle anderen Bevölkerungsgruppen unter Druck zu assimilieren; vergleichbares kann man auch für die baltischen Republiken, Rumänien und Ungarn sagen.

Eine Assimilierung war im Fall der Deutschen besonders schwierig, nicht nur wegen der verbliebenen Macht des Deutschen Reiches, das eine gewisse Schutzfunktion ausübte, sondern auch wegen der oft deutlichen kulturellen Überlegenheit der Deutschen. Wo man am Ziel der Einschmelzung festhielt, entstand unter den Volksdeutschen eine mehr oder weniger starke Irredenta. Die trug im Fall der Sudetendeutschen 1938 sogar zum Zerfall der Tschechoslowakei und zum Anschluß der Randgebiete an das Reich bei. Eine traumatische Erfahrung für die Tschechen, die unter ihren Politikern den Wunsch wachrief, bei Neugründung der Tschechoslowakei nach einer Niederlage des Reiches die deutsche Bevölkerungsgruppe auszutreiben und auf diese Weise einen wenigsten insofern homogenen Staat zu schaffen, als Tschechen und Slowaken zu den Slawen zählten.

Noch schärfer stellte sich das Problem im Fall Polens, das nicht nur an der von Deutschland angestoßenen Aufteilung der Tschechoslowakei im März 1939 teilgenommen hatte, sondern seine harte Haltung gegenüber allen deutschen Forderungen damit rechtfertigte, daß Polen Anspruch auf eine Großmachtposition erheben könne, die es eher im Bündnis mit den Westmächten gegen Deutschland, als im Bündnis mit Deutschland gegen die Sowjetunion erreichen werde. Im Frühjahr und Sommer 1939 gab es eine große Zahl von Hinweisen darauf, daß die polnische Führung auf einen raschen Sieg Frankreichs und Großbritanniens über das Reich rechnete und dann die Anerkennung einer polnischen Westgrenze erwartete, die ältere Begehrlichkeiten auf Ostpreußen und Schlesien erfüllen sollte.

Sogar nach dem Zusammenbruch Polens wurde an dieser Forderung von Seiten der Exilregierung in Paris beziehungsweise London festgehalten. Ministerpräsident Sikorski äußerte ab 1942 mehrfach, daß die Alliierten einem neuen Grenzverlauf Polens an Oder und Neiße zustimmen müßten, um die Lebensfähigkeit Polens zu gewährleisten. Dabei war von einer "Westverschiebung" noch gar keine Rede, denn Sikorski gehört zu den entschiedenen Gegnern jeder Anerkennung von Stalins Territorialgewinn aus dem Pakt, den er 1939 mit Hitler geschlossen hatte. Nach Sikorskis mysteriösem Tod konnte über dieses Hindernis aber hinweggegangen werden, und spätestens bei der Konferenz von Teheran im Sommer 1943 war für die Anti-Hitler-Koalition klar, daß Polen für den Verlust seiner Ostgebiete - die es faktisch erst 1920 erhalten hatte und die nur von einer polnischen Minderheit bewohnt gewesen waren - eine "Entschädigung" durch Übereignung deutschen Gebiets erhalten sollte. In Teheran wurde auch schon darüber gesprochen, daß die deutschen Einwohner "umgesiedelt" werden müßten. Die zaghaften Hinweise Roosevelts und Churchills, man solle auf einen geordneten Vollzug achten, nahmen weder Stalin noch die von ihm abhängige polnische Regierung, das sogenannte Lubliner Komitee, ernst. Zudem hat Churchill selbst in einer Brandrede vor dem britischen Parlament am 15. Dezember 1944 davon gesprochen, daß die "Übersiedlung" als "totale Vertreibung der Deutschen" zu verstehen sei.

Daß man in den USA und Großbritannien in der Folgezeit irritiert und mit wachsender Beunruhigung Nachrichten über Art und Umfang der Vertreibung hörte, steht dazu nicht im Widerspruch. Die Haltung Roosevelts und Churchills war in dieser wie in vielen Fragen, die die Nachkriegsplanung betrafen, schwankend. Außerdem wurde ihnen erst zu Beginn des Jahres 1945 ganz deutlich, welche Menschenmengen durch Flucht und Vertreibung in die westlichen Besatzungszonen drängen und damit der dortigen Militärverwaltung ihrer Länder zur Last fallen würden.

Bis zur Feststellung der Potsdamer Erklärung, die "Umsiedlung" der Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei solle "geordnet" und in "humanen Formen" vor sich gehen, war der Exodus der Deutschen längst im Gang. Er begann mit der Flucht der Zivilbevölkerung vor der anrückenden Roten Armee im Sommer 1944 und setzte sich fort in den "wilden Vertreibungen" nach dem Zusammenbruch der deutschen Besatzungsherrschaft im Osten und dann der Okkupation der Gebiete jenseits von Oder und Neiße. Nach der Potsdamer Konferenz gab es eine Phase des Übergangs und dann ab Jahresbeginn 1946 eine "organisierte" Umsiedlung, die allerdings auch im Hinblick auf den Grad der Gewalttätigkeit und Brutalität organisiert war. Es kam nicht nur zu vereinzelten, sondern zu systematischen Übergriffen, Vergewaltigungen, Folterungen, Verstümmelungen, Massakern an den Deutschen oder Internierung in Konzentrationslagern, deren Schrecken dem der NS-Zeit nicht nachstand.

Die Angaben über die Zahl der Opfer schwanken naturgemäß. Bis in die achtziger Jahre wurde versucht, eine möglichst kleine Ziffer durchzusetzen, aber es hat sich die Auffassung behauptet, daß von den 15 Millionen Vertriebenen etwa 2,5 bis 3 Millionen umgekommen sind. Diese Ziffern sind für sich genommen schon ungeheuerlich. Einen vergleichbaren Vorgang hat es in historischer Zeit niemals gegeben.

Zu den Vertriebenen gehören neben denjenigen, die aus den Ostprovinzen (Schlesien, Ostpreußen, Ostbrandenburg und Pommern) kamen, auch diejenigen, die die nach 1938 an das Reich angegliederten Gebiete (Sudetenland, Danzig, Memel, Warthegau) und Siedlungsgebiete in Ungarn, Jugoslawien, Rumänien und dem Baltikum verlassen mußten. Faktisch wurde damit eine bis ins 12. Jahrhundert zurückreichende politische und kulturelle Entwicklung ausgelöscht.


Quelle: Karlheinz Weißmann (Hrsg.): DIE BESIEGTEN
Edition Antaios, Schnellroda 2005 (S. 207-209)
Weiterführend:
2. Weltkrieg - Die Folgen

BITTE DIESEN ARTIKEL AN EINEN FREUND WEITERLEITEN!
ePost Anschrift einsetzen:


[Leitseite] [Spenden] [Archiv-Deutsch] [Archiv-Englisch] [Deutsche Verluste] [Deutsche Geschichte] [Briefkasten]