Die Deutschen in der
Stunde des Zusammenbruchs 1945: Von Karlheiz Weißmann
Für die Vertreibung der
Deutschen aus ihren Siedlungsgebieten in Mittel- und
Ostmitteleuropa gab es verschiedene Motive: Das erste dieser drei Motive wird
heute in seiner Bedeutung allgemein unterschätzt, wie
man überhaupt die machtpolitischen Aspekte im Handeln
der am Zweiten Weltkrieg beteiligten Staaten verdrängt.
Eine Ursache dafür ist die Verkennung der Lage, die
nach 1919 durch den Versailler und die Vorortverträge
entstanden war. Faktisch war keiner der damals
gegründeten Nationalitätenstaaten bereit, die
Rechte seiner Minderheiten zu achten. In der
Tschechoslowakei sahen sich die Tschechen, in Polen die
Polen und in Jugoslawien die Serben als Titularnation und
versuchten alle anderen Bevölkerungsgruppen unter Druck
zu assimilieren; vergleichbares kann man auch für die
baltischen Republiken, Rumänien und Ungarn sagen.
Eine Assimilierung war im Fall der
Deutschen besonders schwierig, nicht nur wegen der
verbliebenen Macht des Deutschen Reiches, das eine gewisse
Schutzfunktion ausübte, sondern auch wegen der oft
deutlichen kulturellen Überlegenheit der Deutschen. Wo
man am Ziel der Einschmelzung festhielt, entstand unter den
Volksdeutschen eine mehr oder weniger starke Irredenta. Die
trug im Fall der Sudetendeutschen 1938 sogar zum Zerfall der
Tschechoslowakei und zum Anschluß der Randgebiete an
das Reich bei. Eine traumatische Erfahrung für die
Tschechen, die unter ihren Politikern den Wunsch wachrief,
bei Neugründung der Tschechoslowakei nach einer
Niederlage des Reiches die deutsche Bevölkerungsgruppe
auszutreiben und auf diese Weise einen wenigsten insofern
homogenen Staat zu schaffen, als Tschechen und Slowaken zu
den Slawen zählten. Noch schärfer stellte sich das
Problem im Fall Polens, das nicht nur an der von Deutschland
angestoßenen Aufteilung der Tschechoslowakei im
März 1939 teilgenommen hatte, sondern seine harte
Haltung gegenüber allen deutschen Forderungen damit
rechtfertigte, daß Polen Anspruch auf eine
Großmachtposition erheben könne, die es eher im
Bündnis mit den Westmächten gegen Deutschland, als
im Bündnis mit Deutschland gegen die Sowjetunion
erreichen werde. Im Frühjahr und Sommer 1939 gab es
eine große Zahl von Hinweisen darauf, daß die
polnische Führung auf einen raschen Sieg Frankreichs
und Großbritanniens über das Reich rechnete und
dann die Anerkennung einer polnischen Westgrenze erwartete,
die ältere Begehrlichkeiten auf Ostpreußen und
Schlesien erfüllen sollte. Sogar nach dem Zusammenbruch Polens
wurde an dieser Forderung von Seiten der Exilregierung in
Paris beziehungsweise London festgehalten.
Ministerpräsident Sikorski äußerte ab 1942
mehrfach, daß die Alliierten einem neuen Grenzverlauf
Polens an Oder und Neiße zustimmen müßten,
um die Lebensfähigkeit Polens zu gewährleisten.
Dabei war von einer "Westverschiebung" noch gar keine Rede,
denn Sikorski gehört zu den entschiedenen Gegnern jeder
Anerkennung von Stalins Territorialgewinn aus dem Pakt, den
er 1939 mit Hitler geschlossen hatte. Nach Sikorskis
mysteriösem Tod konnte über dieses Hindernis aber
hinweggegangen werden, und spätestens bei der Konferenz
von Teheran im Sommer 1943 war für die
Anti-Hitler-Koalition klar, daß Polen für den
Verlust seiner Ostgebiete - die es faktisch erst 1920
erhalten hatte und die nur von einer polnischen Minderheit
bewohnt gewesen waren - eine "Entschädigung" durch
Übereignung deutschen Gebiets erhalten sollte. In
Teheran wurde auch schon darüber gesprochen, daß
die deutschen Einwohner "umgesiedelt" werden
müßten. Die zaghaften Hinweise Roosevelts und
Churchills, man solle auf einen geordneten Vollzug achten,
nahmen weder Stalin noch die von ihm abhängige
polnische Regierung, das sogenannte Lubliner Komitee, ernst.
Zudem hat Churchill selbst in einer Brandrede vor dem
britischen Parlament am 15. Dezember 1944 davon gesprochen,
daß die "Übersiedlung" als "totale Vertreibung
der Deutschen" zu verstehen sei. Daß man in den USA und
Großbritannien in der Folgezeit irritiert und mit
wachsender Beunruhigung Nachrichten über Art und Umfang
der Vertreibung hörte, steht dazu nicht im Widerspruch.
Die Haltung Roosevelts und Churchills war in dieser wie in
vielen Fragen, die die Nachkriegsplanung betrafen,
schwankend. Außerdem wurde ihnen erst zu Beginn des
Jahres 1945 ganz deutlich, welche Menschenmengen durch
Flucht und Vertreibung in die westlichen Besatzungszonen
drängen und damit der dortigen Militärverwaltung
ihrer Länder zur Last fallen würden. Bis zur Feststellung der Potsdamer
Erklärung, die "Umsiedlung" der Deutschen aus Polen und
der Tschechoslowakei solle "geordnet" und in "humanen
Formen" vor sich gehen, war der Exodus der Deutschen
längst im Gang. Er begann mit der Flucht der
Zivilbevölkerung vor der anrückenden Roten Armee
im Sommer 1944 und setzte sich fort in den "wilden
Vertreibungen" nach dem Zusammenbruch der deutschen
Besatzungsherrschaft im Osten und dann der Okkupation der
Gebiete jenseits von Oder und Neiße. Nach der
Potsdamer Konferenz gab es eine Phase des Übergangs und
dann ab Jahresbeginn 1946 eine "organisierte" Umsiedlung,
die allerdings auch im Hinblick auf den Grad der
Gewalttätigkeit und Brutalität organisiert war. Es
kam nicht nur zu vereinzelten, sondern zu systematischen
Übergriffen, Vergewaltigungen, Folterungen,
Verstümmelungen, Massakern an den Deutschen oder
Internierung in Konzentrationslagern, deren Schrecken dem
der NS-Zeit nicht nachstand. Die Angaben über die Zahl der
Opfer schwanken naturgemäß. Bis in die achtziger
Jahre wurde versucht, eine möglichst kleine Ziffer
durchzusetzen, aber es hat sich die Auffassung behauptet,
daß von den 15 Millionen Vertriebenen etwa 2,5 bis 3
Millionen umgekommen sind. Diese Ziffern sind für sich
genommen schon ungeheuerlich. Einen vergleichbaren Vorgang
hat es in historischer Zeit niemals gegeben. Zu den Vertriebenen gehören
neben denjenigen, die aus den Ostprovinzen (Schlesien,
Ostpreußen, Ostbrandenburg und Pommern) kamen, auch
diejenigen, die die nach 1938 an das Reich angegliederten
Gebiete (Sudetenland, Danzig, Memel, Warthegau) und
Siedlungsgebiete in Ungarn, Jugoslawien, Rumänien und
dem Baltikum verlassen mußten. Faktisch wurde damit
eine bis ins 12. Jahrhundert zurückreichende politische
und kulturelle Entwicklung ausgelöscht.
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5:
Vertreibung
1. den Wunsch nach einer ethnischen Säuberung der
Nationalitätenstaaten, die nach dem Ersten Weltkrieg
entstanden waren,
2. das Bemühen, Polen für Gebietsverluste infolge
der Annexion seiner Ostgebiete durch die Sowjetunion zu
entschädigen,
3. die Absicht, die Deutschen kollektiv zu bestrafen.
Quelle: Karlheinz
Weißmann (Hrsg.): DIE BESIEGTEN
Edition Antaios, Schnellroda 2005 (S. 207-209)
Weiterführend: 2.
Weltkrieg - Die Folgen