Aktenfunde
enthüllen Entführung deutscher Wissenschaftler:
In welch gigantischem Ausmaß
Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten um
seine wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften
gebracht worden ist, wird heute gern unter den Teppich
gekehrt. Der systematische Diebstahl von Patenten, die
Demontage ganzer Fabriken und die Entführung von
Spitzenkräften der deutschen Wissenschaft in die
Länder der Sieger haben den Plünderern Milliarden
an Forschungs- und Entwicklungskosten gespart. Und
Deutschlands wissenschaftlicher und technologischer
Vorsprung auf vielen Gebieten war plötzlich
Vergangenheit. Trotz der Tabuisierung ist über
die Raubzüge von US-Amerikanern und Sowjets heute
einiges bekannt. Wie stark jedoch auch die Briten nach
deutschen Gehirnen jagten, enthüllen als "Top Secret"
qualifizierte Akten des britischen Außenministeriums,
die kürzlich von "Guardian"-Journalisten im
Nationalarchiv aufgespürt wurden. Demnach sind von eigens
aufgestellten britischen Sondereinheiten Hunderte deutscher
Wissenschaftler und Techniker entführt und nach
Großbritannien verschleppt worden, wo sie für
Ministerien, aber auch private Firmen arbeiten mußten.
Diese "Auslandseinsätze" fanden keineswegs auf
freiwilliger Basis statt. Die Betroffenen wurden Opfer eines
regierungsoffiziellen Programms der "erzwungenen
Evakuierung". Die Siegermacht betrachtete sie als
rechtmäßige "menschliche Beute". Vorbereitet wurden die Raubzüge
von zwei Organisationen, die ihre Büros in der Londoner
Baker Street hatten. Dort wurden Rechercheteams
zusammengestellt, die Deutschland systematisch nach
Spitzentechnologie, Forschungsunterlagen und Patenten
durchkämmten. Oft befanden sich in diesen Teams auch
Repräsentanten privater Firmen, die - in britischen
Offiziersuniformen - jene deutschen Wissenschaftler
identifizierten, die für die Briten von Interesse
waren. Für die Entführung und
Verschleppung war dann eine hochmobile Spezialeinheit namens
"T-Force" zuständig, die bereits nach der alliierten
Invasion der Normandie formiert worden war. Ihr Vorgehen
erinnere sehr an "Gestapo-Methoden", wie ein ziviler
Mitarbeiter der britischen Militärregierung in einem
Bericht ausführte. Neben der Regierung des Vereinigten
Königreichs profitierten Unternehmen wie der
Chemiegigant ICI, die Bekleidungsfirma Courtaulds und der
Kosmetikhersteller Pears von dem mit kriminellen Mitteln
erworbenen deutschen Wissensschatz. Ziel der parallel laufenden
"Operation Bottleneck" waren deutsche Geschäftsleute,
die ebenfalls gewaltsam nach England verbracht und dort
verhört wurden - aber nicht von Polizisten oder
Militärs, sondern von ihren wirtschaftlichen
Konkurrenten. Dabei ging es um die Preisgabe von
Geschäftsgeheimnissen. Spielten die Befragten nicht
gleich mit, wurde ihnen Internierung angedroht. Die Ausplünderung deutschen
Erfindergeistes dauerte mehr als zwei Jahre, dann fiel dem
britischen Außenministerium auf, daß der Raubzug
dem Wiederaufbau Deutschlands doch ein wenig hinderlich sein
könnte. Und da die Westzonen als künftiges
Bollwerk gegen den Bolschewismus fest eingeplant waren und
daher wieder hochgepäppelt werden mußten, wurde
die T-Force per Telegramm angewiesen, "daß die
industriellen und technischen Nachforschungen zum 30. Juni
1947 zu beenden sind". Weiterführend:
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Londons
"menschliche Beute"
Quelle:
Nation
& Europa
Heft 10 (Okt 2007)
Friedrich
Georg/'Unternehmen Patentraub'
1945
Die Geheimgeschichte des größten Technologieraubs
aller Zeiten