18. August 2008

Aktenfunde enthüllen Entführung deutscher Wissenschaftler:
Londons "menschliche Beute"

In welch gigantischem Ausmaß Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten um seine wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften gebracht worden ist, wird heute gern unter den Teppich gekehrt. Der systematische Diebstahl von Patenten, die Demontage ganzer Fabriken und die Entführung von Spitzenkräften der deutschen Wissenschaft in die Länder der Sieger haben den Plünderern Milliarden an Forschungs- und Entwicklungskosten gespart. Und Deutschlands wissenschaftlicher und technologischer Vorsprung auf vielen Gebieten war plötzlich Vergangenheit.

Trotz der Tabuisierung ist über die Raubzüge von US-Amerikanern und Sowjets heute einiges bekannt. Wie stark jedoch auch die Briten nach deutschen Gehirnen jagten, enthüllen als "Top Secret" qualifizierte Akten des britischen Außenministeriums, die kürzlich von "Guardian"-Journalisten im Nationalarchiv aufgespürt wurden.

Demnach sind von eigens aufgestellten britischen Sondereinheiten Hunderte deutscher Wissenschaftler und Techniker entführt und nach Großbritannien verschleppt worden, wo sie für Ministerien, aber auch private Firmen arbeiten mußten. Diese "Auslandseinsätze" fanden keineswegs auf freiwilliger Basis statt. Die Betroffenen wurden Opfer eines regierungsoffiziellen Programms der "erzwungenen Evakuierung". Die Siegermacht betrachtete sie als rechtmäßige "menschliche Beute".

Vorbereitet wurden die Raubzüge von zwei Organisationen, die ihre Büros in der Londoner Baker Street hatten. Dort wurden Rechercheteams zusammengestellt, die Deutschland systematisch nach Spitzentechnologie, Forschungsunterlagen und Patenten durchkämmten. Oft befanden sich in diesen Teams auch Repräsentanten privater Firmen, die - in britischen Offiziersuniformen - jene deutschen Wissenschaftler identifizierten, die für die Briten von Interesse waren.

Für die Entführung und Verschleppung war dann eine hochmobile Spezialeinheit namens "T-Force" zuständig, die bereits nach der alliierten Invasion der Normandie formiert worden war. Ihr Vorgehen erinnere sehr an "Gestapo-Methoden", wie ein ziviler Mitarbeiter der britischen Militärregierung in einem Bericht ausführte. Neben der Regierung des Vereinigten Königreichs profitierten Unternehmen wie der Chemiegigant ICI, die Bekleidungsfirma Courtaulds und der Kosmetikhersteller Pears von dem mit kriminellen Mitteln erworbenen deutschen Wissensschatz.

Ziel der parallel laufenden "Operation Bottleneck" waren deutsche Geschäftsleute, die ebenfalls gewaltsam nach England verbracht und dort verhört wurden - aber nicht von Polizisten oder Militärs, sondern von ihren wirtschaftlichen Konkurrenten. Dabei ging es um die Preisgabe von Geschäftsgeheimnissen. Spielten die Befragten nicht gleich mit, wurde ihnen Internierung angedroht.

Die Ausplünderung deutschen Erfindergeistes dauerte mehr als zwei Jahre, dann fiel dem britischen Außenministerium auf, daß der Raubzug dem Wiederaufbau Deutschlands doch ein wenig hinderlich sein könnte. Und da die Westzonen als künftiges Bollwerk gegen den Bolschewismus fest eingeplant waren und daher wieder hochgepäppelt werden mußten, wurde die T-Force per Telegramm angewiesen, "daß die industriellen und technischen Nachforschungen zum 30. Juni 1947 zu beenden sind".


Quelle: Nation & Europa
Heft 10 (Okt 2007)

Weiterführend:
Friedrich Georg/'Unternehmen Patentraub' 1945
Die Geheimgeschichte des größten Technologieraubs aller Zeiten

 

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