Die Deutschen in der
Stunde des Zusammenbruchs 1945 Von Karlheiz
Weißmann Der Begriff "Internierung" ist
für sich genommen neutral. Als Internierung wird jede
Maßnahme bezeichnet, mit der man bestimmte
Menschengruppen von der Masse der Bevölkerung
absondert. Es kann sich dabei um eine Quarantäne oder
eine Art Sicherheitsverwahrung handeln, aber im allgemeinen
geht es um die Internierung von Nichtstaatsbürgern oder
Staatsbürgern, die im Verdacht der Illoyalität
stehen. Regelmäßig werden feindliche
Ausländer bei Beginn von Kriegshandlungen interniert,
um die von ihnen ausgehende Gefahr zu bannen. Im 20.
Jahrhundert - dem "Jahrhundert der Lager" - ist es
allerdings üblich geworden, den Begriff Internierung
auch verharmlosend auf Einrichtungen zu übertragen, die
faktisch dieselbe Funktion wie Konzentrationslager
erfüllen. Das Standardwerk Lexikon der
deutschen Geschichte 1945-1990 enthält zum
Stichwort "Internierungslager" nur einen Verweis auf
"Speziallager, sowjetische". Die Existenz von
Internierungslagern in den westlichen Besatzungszonen findet
sich mit keinem Wort erwähnt. Der Grund dafür ist
ein politischer, aber nur selten wird zugegeben,
"daß... die westdeutschen Historiker beklommen gewesen
seien, problematische Bereiche 'ihrer' Besatzungsmacht
aufzugreifen", weil man fürchtete, dem
Rechtsradikalismus Nahrung zu geben oder der "Gefahr des
Aufrechnens" zu erliegen. Eine Folge dieser Beklemmung ist
weitgehende Unklarheit über die Zustände in den
Lagern der westlichen Alliierten, die soziale und
altersmäßige Zusammensetzung der Internierten,
das genaue Ausmaß ihrer Schuld oder Verantwortung. Vor
allem aber fehlt jede exakte Angabe über die Zahl der
Opfer, die die Haft forderte. In einer Gesamtstatistik der
britischen Zone werden für den Zeitraum zwischen April
1946 und Dezember 1947 (frühere Daten nicht vorgelegt)
79 Tote und 12 Suizidfälle angegeben, aber allein
für das britische Lager Staumühle in der Nähe
von Paderborn, wo man etwa sieben- bis achttausend Personen
interniert hatte, sind für die Jahre 1946/47 insgesamt
115 Tote nachgewiesen; dabei ist diese Zahl sicher zu
niedrig angesetzt, weil Todkranke bis zum Sommer 1946
regelmäßig entlassen wurden, bevor sie starben;
allein im Dezember 1945 handelte es sich um 110 Personen.
Für die Dauer der Existenz von Staumühle - vom 24.
Mai 1945 bis zum 15. Juli 1948 - rechnet man mit 173 Toten
bei 22.000 bis 23.000 Internierten. Die Gesamtzahl der
Internierten in der britischen Besatzungszone lag bei
ungefähr 100.000 Personen. Wenn man die Daten von
Staumühle zur Grundlage einer Schätzung macht,
käme man auf etwa 800 Tote als absolute Untergrenze
für den britischen Bereich und auf etwa 1500 Tote
für die drei Westzonen. Allerdings spricht viel dafür,
daß die Zustände in den britischen Lagern
verglichen mit den amerikanischen und den französischen
relativ milde waren, weshalb sich auch die Zahl der
Mißhandlungen und Morde in Grenzen hielt. So ist im
Fall des amerikanischen Lagers Ludwigsburg bekannt,
daß man dort keine Totenbücher angelegt hat, aber
auf den Friedhöfen von Ludwigsburg und Karlsruhe 140
tote Häftlinge beigesetzt wurden; insgesamt rechnet man
mit etwa 300 Opfern, die an Unterernährung,
Mißhandlung, Krankheit oder infolge willkürlicher
Tötung starben. In dem Lager Heilbronn-Böckingen,
das gleichzeitig bis zu 150.000 Kriegsgefangene und
Internierte aufnehmen mußte, kamen zwischen 1945 und
1947 etwa 350 Menschen ums Leben, davon 283 zwischen Mai und
Dezember 1945. In dem kleinen, nur sehr kurzfristig
genutzten französischen Lager Hüfingen starben
1945/46 von 448 Internierten mindestens 13, vier weitere
überlebten die Folgen der Haft nicht. Unter den Toten
waren mindestens fünf Personen, die von den
Wachmannschaften ermordet wurden. Ein Vorgang, der keine
Ausnahme darstellte, es existiert eine Liste mit mehr als
siebzig Mordopfern, die seltener in den größeren
"Muster"-Lagern der französischen Besatzungsmacht,
sondern in kleineren Internierungskellern oder -baracken
inhaftiert gewesen waren. Nicht einbezogen in diese Daten
sind auch diejenigen, die Selbstmord begingen; nach
Behauptung des Verbandes ehemaliger Internierter im
Südwesten Deutschlands handelte es sich um etwa 1/2
Prozent aller Festgesetzten, also bis zu 600 Personen.
Indizien für ein Massensterben
wie in den sowjetischen gibt es in den westlichen
Internierungslagern allerdings nicht. Weder finden sich
entsprechende Hinweise in den Erinnerungen ehemaliger
Häftlinge, noch deuten die Stichproben in eine solche
Richtung. Wenn die Internierungslager - vor allem, aber
nicht nur von ehemaligen Häftlingen - mit den
nationalsozialistischen KZs verglichen wurden, so war das im
Hinblick auf Vernichtungslager wie Auschwitz ohne Zweifel
unangemessen. Auch der Rückgriff auf die Einrichtung
früherer KZs (im Westen Dachau, Esterwegen und
Neuengamme, im Osten Sachsenhausen, Fünfeichen und
Buchenwald) hatte in erster Linie praktische Gründe;
aus denselben Motiven nutzte man ehemalige Kasernen, Lager
des Arbeitsdienstes oder Gefängnisse. Was die
Zeitgenossen dazu brachte, summarisch von "neuen
Konzentrationslagern" zu sprechen - oder doch, wenn das
abgelehnt wurde, von "Eiterbeulen im Lande" - waren nicht
nur die Tötungen, Übergriffe oder systematischen
Mißhandlungen, sondern überhaupt das Verfahren,
potentielle Gegner ohne Gerichtsverfahren festzusetzen und
über lange Zeiträume festzuhalten. Wenn man die
Ergebnisse des Entnazifizierungsverfahrens zu Grunde legte,
konnten bestenfalls drei bis vier Prozent der Internierten,
die teilweise bis zu drei Jahre inhaftiert gewesen waren,
als schuldig gelten. An genauen Untersuchungen über
die Geschichte der Internierungslager in der amerikanischen,
der britischen und der französischen Zone fehlt es bis
heute völlig. Die Archive der ehemaligen
Besatzungsmächte bleiben für die Forschung
verschlossen. In vielen Fällen ist man auf "graue
Literatur" angewiesen, vor allem die Erinnerungen
Internierter, die manchmal in kleinen Verlagen erscheinen
konnten, häufiger selbst gedruckt wurden oder sich
bloß als Manuskripte in privaten Nachlässen
erhalten haben. Eine Ausnahme im Hinblick auf das
allgemeine Schweigen über die westlichen
Internierungslager bilden allerdings zwei literarische
Werke: Ernst von Salomons Der Fragebogen (1951) und
Hans Helmuth Kirsts Sagten Sie Gerechtigkeit,
Captain? (1952). Beide Autoren kannten die Situation aus
eigener Anschauung. Salomon war wegen seiner Beteiligung am
Rathenaumord 1922 unmittelbar nach Kriegsende in Haft
genommen worden, Kirst hatte man als ehemaligen
Berufssoldaten interniert. Vor allem die Darstellung der
Mißhandlungen und der Menschenverachtung
gegenüber den Deutschen haben bei einem breiten
Publikum Eindruck gemacht. Salomons Fragebogen wurde
zu einem Bestseller der fünfziger Jahre und zu einem
der am stärksten diskutierten Bücher der
Nachkriegszeit überhaupt, während Kirsts Sagten
Sie Gerechtigkeit, Captain? im Schatten seiner
08/15-Trilogie blieb; allerdings erlebte die Neuausgabe
unter dem Titel Letzte Station Camp 7 (1966) bis 1981
noch einmal vierzehn Auflagen. Die Grundlage der Internierung durch
die Westmächte bildete das SHAEF-Handbook for
Germany, das seit dem Frühjahr 1944 erstellt und
dann mehrfach ergänzt wurde, um die alliierten
Maßnahmen nach der Besetzung Deutschlands festzulegen.
Ausschlaggebend für die Internierung war die Angst vor
einer breiten Widerstandsbewegung gegen die Okkupation,
getragen von fanatisierten Nationalsozialisten. Deshalb
verschärfte man die Bestimmungen für den
sogenannten Automatic Arrest im April 1945 noch
einmal, so daß alle Gestapo- und SD-Angehörigen,
die Politischen Leiter der NSDAP bis hinab zum
Ortsgruppenleiter, alle Führer und Unterführer von
Allgemeiner und Waffen-SS sowie hohe Beamte interniert
werden sollten. Neben den im Rahmen des Automatischen
Arrests Verhafteten stellten diejenigen, die man als
Sicherheitsbedrohung (Security Threat) ansah,
darunter eine erhebliche Zahl von Jugendlichen, die
zweitgrößte Gruppe, erst dann folgten die
"Kriegsverbrecher" (War Criminals), die
außerdem schon Mitte 1946 im ehemaligen
Konzentrationslager Dachau zusammengezogen wurden, dem
größten amerikanischen Internierungslager
überhaupt. Die Internierung begann unmittelbar
nach dem Einmarsch der Alliierten ins Reichsgebiet, also
seit dem Herbst 1944. Im Mai/Juni 1945 sollen allein von den
Amerikanern täglich 4.200, im Juli sogar 6.500 Menschen
festgesetzt worden sein. Bis Ende des Jahres hatten die
US-Streitkräfte bereits 100.000 Personen interniert, im
allgemeinen durch die Abwehr der US-Streitkräfte, das
Counter Intelligence Corps (CIC). Dessen
Brutalität und Willkür trug ihm auf deutscher
Seite den Ruf einer "amerikanischen Gestapo" ein. Auch sonst
zeichnete sich die amerikanische Internierungspraxis in der
Anfangszeit durch große Härte aus. Obwohl die britische Seite an der
Erstellung des SHAEF-Handbuchs mitgewirkt hatte, neigte sie
zu einer engeren Auslegung der Internierungsvorgaben.
Infolgedessen betrug die Zahl der Internierten hier nur
90.000 Menschen, obwohl die britische Besatzungszone die
bevölkerungsreichste war. Auch die Franzosen
akzeptierten lediglich die allgemeinen Richtlinien, machten
aber von Anfang an Vorbehalte gegenüber der damit
verbundenen These einer deutschen Kollektivschuld geltend.
Daraus auf eine besonders Milde in der Behandlung der
Internierten zu schließen, wäre allerdings
verfehlt. Man ging weniger systematisch vor und ließ
in der Anfangszeit die Entstehung einer großen Zahl
"wilder" Internierungslager zu. Die Internierung wurde von
der französischen Besatzungsmacht ausschließlich
als Teil der Sicherheitsmaßnahmen betrachtet.
Bemerkenswert ist, daß über den Umfang der
Internierung in der französischen Zone die
Vorstellungen extrem weit auseinander gehen: Während
heute oft eine Schätzung von 12.500 Personen genannt
wird, die Ende 1945 in zwölf Lagern festgehalten worden
sein sollen, sind die Betroffenen von etwa 120.000
ausgegangen, davon nur 50.000 Internierte in
"regulären" Lagern. Die Internierungslager unterstanden
den alliierten Militärbehörden, die allerdings die
Belastung der eigenen Kräfte möglichst zu
vermindern trachteten. So wurde die Bewachung häufiger
an Displaced Persons übergeben, vor allem Polen,
die ihre Machtposition gegenüber den Besiegten in
solcher Weise ausnutzten, daß die vorgesetzten
Behörden sich gezwungen sahen, Abhilfe zu schaffen.
Außerdem gab es in den Internierungslagern eine
deutsche Selbstverwaltung, deren Leitung meistens ehemaligen
Offizieren übertragen wurde. In mehreren Fällen
gelang es auch KZ-Kapos erneut in wichtige Positionen
aufzusteigen und aus ihren Erfahrungen in den Lagern des
NS-Regimes Nutzen zu ziehen. Bis 1946 waren die
Internierungslager von der Außenwelt abgeschnitten,
nur Geistliche hatten Zutritt, erst dann wurde Briefverkehr
erlaubt und die Isolation der Gefangenen schrittweise
aufgehoben. Allerdings empfanden viele das erzwungene
Nichtstun und die Ungewißheit des weiteren Schicksals
als sehr belastend. Im selben Jahr übergaben die
Amerikaner die Aufsicht an deutsche Stellen, offenbar in der
Annahme, daß von den Internierten keine unmittelbare
Gefahr mehr ausgehe. Diejenigen, die nach dem
Nürnberger Prozeß als Angehörige
"verbrecherischer Organisationen" betrachtet wurden, blieben
länger in Haft. Bis 1948 hatte man die
größte Zahl der Internierten entlassen, eine
kleinere war zu Zwangsarbeitsstrafen verurteilt worden und
mußte diese im Anschluß an die Internierung
verbüßen. Im Gegensatz zu den Amerikanern
behielten Briten und Franzosen die Kontrolle über die
Lager und versuchten diese auch als Instrument der
Umerziehung zu nutzen. Angesichts der unter den Internierten
weit verbreiteten Empfindung, unschuldig zu sein, ein kaum
erfolgversprechender Plan. In der Kritik, die vor allem die
Kirchen an der Internierung übten, wurde der Vorwurf
laut, hier handele es sich um eine "Härtungshaft", die
die Gefangenen in ihren Überzeugungen eher stärker
als wankend mache. Im Gegensatz zu den westlichen war
die Existenz der östlichen Internierungslager niemals
ganz vergessen, auch wenn über das Thema in der DDR
nicht gesprochen werden durfte und in der Bundesrepublik
seit den sechziger Jahren die Neigung bestand, zu schweigen
oder zu beschönigen. Die Situation änderte sich
dramatisch nach der Wende von 1989, und es schien so, als
werde in den neuen Ländern eine
Vergangenheitsbewältigung beginnen, die auch die
Bedeutung der "Spezial-" oder "Spez-Lager" der sowjetischen
Besatzungsmacht erfaßte. Diese Erwartung trog, obwohl
es mittlerweile eine anerkannte Gedenkstättenarbeit
gibt und eine breiter werdende Forschung, die vor allem in
russischen Archiven aufsehenerregende Entdeckungen gemacht
hat. Dabei konnte eine Frage allerdings
immer noch nicht zufriedenstellend beantwortet werden:
Inwieweit war die Errichtung der Speziallager Fortsetzung
der kommunistischen Herrschaftspraxis und inwieweit handelte
die sowjetische Führung in der Annahme, gemeinsame
Ziele der Alliierten zu verwirklichen. Es spricht zwar wenig
dafür, daß Stalin die Abmachungen mit den USA,
Großbritannien und Frankreich an diesem Punkt
besonders interessierten, aber die Speziallager können
auch nicht einfach als Erweiterung des Gulags betrachtet
werden. Das erhellt schon daraus, daß die Weisungen
vom 11. Januar beziehungsweise 22. Februar 1945, in denen
der Aufbau und die Unterstellung unter die Befehlsgewalt der
Frontbevollmächtigten des Geheimdienstes NKWD geregelt
war, im Zusammenhang mit der Großoffensive der Roten
Armee standen. Bis zum Mai waren dann bereits 28 Lager und
Gefängnisse errichtet worden, um "feindliche Elemente"
zu internieren. Sie lagen mit Ausnahme von zweien
außerhalb des künftigen Territoriums der SBZ.
Einen Monat später war die Hälfte in die
Besatzungszone überführt, und bis zum September
1945 war die Reorganisation der Lager auf dem Gebiet der
Besatzungszone abgeschlossen. Unter der Bezeichnung Speziallager
existierten neun Lager im engeren Sinne (Mühlberg,
Buchenwald, Hohenschönhausen, Bautzen, Ketschendorf,
Frankfurt a. d. 0., später an dessen Stelle Jamlitz bei
Lieberose, Sachsenhausen, Torgau und Fünfeichen) sowie
drei Gefängnisse (Strelitz, Lichtenberg, Frankfurt a.
d. 0.). Diese Zahl wurde bis zum Frühjahr 1947 auf
sechs, bis zum Herbst 1948 auf drei reduziert. Die letzten
Speziallager - Sachsenhausen, Buchenwald und Bautzen
-löste man im Frühjahr 1950 auf. In mehreren
Fällen wurden die Anlagen zerstört,
Massengräber immer unkenntlich gemacht. Die Entlassenen
sahen sich in der DDR auch in "Freiheit" zahllosen
Zurücksetzungen und Schikanen ausgeliefert. Nach sowjetischen Angaben sollen in
den Lagern 122.671 Deutsche inhaftiert gewesen sein, von
denen 45.262 entlassen wurden, während man 6.680 in
Kriegsgefangenenlager überstellte und 14.202 den
DDR-Behörden auslieferte, 12.770 Personen wurden in die
Sowjetunion deportiert. 42.889 Menschen kamen nach diesen
Unterlagen in der Haft zu Tode, 756 wurden hingerichtet.
Wahrscheinlich ist allerdings, daß die Zahl der
Internierten anderthalb Mal so groß war und bei
189.000 lag und mit mehr als 60.000 Toten zu rechnen ist.
Wie in den Westzonen sollte auch in
der SBZ die Internierung dem Ziel dienen, mögliche
Gefährdungen der Besatzungsmacht auszuschließen
und eine Abrechnung mit den Verantwortlichen des NS-Regimes
vorzubereiten. Dabei spielte für die Sowjetunion von
Anfang an das Ziel einer vollständigen sozialen
Umwälzung eine wesentlich wichtigere Rolle als für
die übrigen Besatzungsmächte. Entsprechend hatte
die Internierung auch den Zweck, jene kalte Revolution zu
unterstützen, die zur Beseitigung von Bürgertum
und Adel führte, aber auch die SPD als Konkurrenz der
KPD in der Arbeiterschaft ausschalten sollte. Es gibt eine
Reihe sozialdemokratischer Funktionäre, die 1945 aus
einem nationalsozialistischen KZ befreit, unmittelbar darauf
in ein unter sowjetischer Regie stehendes eingeliefert
wurden. Bei einer großen Zahl der in
der SBZ internierten hat sich der Eindruck verfestigt,
daß die Verhaftungen ganz willkürlich erfolgten
und vor allem der Vorwurf der "Werwolf"-Zugehörigkeit
bei der Festsetzung von HJ-Mitgliedern nur als Vorwand
gelten könne. Wieweit diese Wahrnehmung zutrifft, ist
kaum noch festzustellen. Die Organe der Roten Armee und bald
auch der von der Militäradministration aufgestellten
deutschen Polizei waren von der ihr gestellten Aufgabe
vollständig überfordert und kaum daran
interessiert, wirklich Schuldige von Unschuldigen zu
trennen. Die dem stalinistischen System eigene Tendenz zu
Terror und Willkür hat dazu entscheidend beigetragen.
Wie in den westlichen gab es auch in
den sowjetischen Internierungslagern
Funktionshäftlinge, denen allerdings im Verhältnis
zu den amerikanischen, britischen oder französischen
Lagern sehr viel geringere Befugnisse eingeräumt
wurden. Auch die Zulassung von kulturellen oder
religiösen Tätigkeiten war deutlicher
beschränkt. Andererseits verzichteten die
Besatzungsbehörden darauf, die Speziallager für
Zwecke der Umerziehung zu nutzen. Wahrscheinlich war ihnen
die Aussichtslosigkeit des Unterfangens klar; ein ehemaliger
Internierter des Lagers 2 urteilte: "Aus den
Kriegsgefangenenlagern sind zum allgemeinen Erstaunen
überzeugte Bolschewisten heimgekehrt. Aus Buchenwald
sind nur erklärte Gegner des Bolschewismus
wiedergekehrt." Der Hauptunterschied zwischen den
westlichen und den sowjetischen Internierungslagern lag in
den Haftbedingungen selbst. Das betrifft nicht nur die
Brutalität der Wachmannschaften und die zahllosen
Schikanen, sondern auch die Versorgung. Dabei spielte nicht
nur der Mangel an Nahrungsmitteln eine Rolle, sondern auch
die ständige Bedrohung durch Epidemien wie Typhus,
Tuberkulose und Ruhr in Folge mangelnder Hygiene.
Während sich die Situation in den westlichen Lagern ab
1946 - trotz des Hungerwinters 1946/47 - allmählich
entspannte, verschlimmerte sich die Situation für die
Internierten im Osten bis 1947 kontinuierlich; in diesem
Jahr lag die Sterblichkeit in Buchenwald beispielsweise bei
fast 25 Prozent der Gefangenen. Daß die Aushungerung nicht mit
den allgemein schlechten Lebensverhältnissen in der SBZ
gerechtfertigt werden kann, sondern eine "Form lautloser
Vernichtung" war, steht außer Zweifel und hat schon
bei den Zeitgenossen den Eindruck verstärkt, daß
der Unterschied zwischen den sowjetischen
Internierungslagern und den nationalsozialistischen KZs
bestenfalls ein gradueller, aber kein prinzipieller war.
Eugen Kogon, der mit seinem 1946 erschienenen Buch Der
SS-Staat eine erste umfassende Darstellung des deutschen
Lagersystems geschrieben hatte, die zudem von der
Perspektive eines ehemaligen Häftlings bestimmt war,
äußerte in der 1948 erschienenen Neuauflage: "Die
Ähnlichkeit wurde für jedermann, der guten Willens
war und der das gemeinsame Beste wollte, beängstigend."
Solche "Ähnlichkeit" war noch
unverkennbarer im Fall jener Lager, die in den Ostprovinzen
sowie den ostmittel- und osteuropäischen Staaten
für Angehörige der deutschen Volksgruppe errichtet
wurden. Sicherheitserwägungen waren in diesem Fall
immer vorgeschoben. Faktisch ging es um die Befriedigung von
Rachebedürfnissen, die Ausbeutung von Arbeitskraft oder
die Vorbereitung des Abschubs, in sehr vielen Fällen
aber auch um das Ziel der Ausrottung. Im Bericht eines
englischen Diplomaten für das Foreign Office
hieß es über das berüchtigte polnische Lager
Lamsdorf: "Die Konzentrationslager sind nicht aufgehoben,
sondern von den neuen Besitzern übernommen worden.
Meistens werden sie von polnischer Miliz geleitet. In
Swientochlowice (Oberschlesien) müssen Gefangene, die
nicht verhungern oder zu Tode geprügelt werden, Nacht
für Nacht bis zum Hals in kaltem Wasser stehen, bis sie
sterben. In Breslau gibt es Keller, aus denen Tag und Nacht
die Schreie der Opfer dringen." Auch für diesen Zusammenhang
fehlen präzise Zahlen. Immerhin ist bekannt, daß
es auf polnischem und tschechischem Gebiet jeweils über
1.200 Lager gab, in denen Deutsche festgehalten wurden. Die
Haftbedingungen waren barbarisch, Folterung und
willkürliche Tötung an der Tagesordnung. In
Auschwitz starben allein zwischen Mai und Mitte August 1945
1.000 Menschen im Lazarett, in Lamsdorf wurden zwischen
August 1945 und Herbst 1946 von etwa 8.000 Deutschen 6.480
getötet, darunter 623 Kinder. In einem Lager des
Kreises Mährisch-Ostrau gingen allein im Juli 1945 bis
zu 350 Menschen an den Torturen zu Grunde. Die furchtbarsten
Opfer erlitten aber die Donauschwaben
in Jugoslawien. Von ihnen
fielen etwa 55.000, das heißt 10 Prozent der
Volksgruppe, den Lagern zum Opfer, die die Tito-Partisanen
errichtet hatten.
[Leitseite]
[Spenden]
[Archiv-Deutsch]
[Archiv-Englisch]
[Deutsche
Verluste]
[Deutsche
Geschichte]
[Briefkasten]
4:
Internierung
Quelle: Karlheinz
Weißmann (Hrsg.): DIE BESIEGTEN
Edition Antaios, Schnellroda 2005 (S. 151-160)
Weiterführend: 2.
Weltkrieg - Die Folgen